Ich habe mich dazu entschieden eine meiner eingefleischten Regeln zu brechen und doch einmal mehr über meinen Dienstablauf zu schreiben, als ich es bisher getan habe.

Viele von euch, hauptsächlich natürlich die, die selbst noch nicht im Rettungsdienst sind, vielleicht aber mal hinein wollen, fragten mich, wie denn so ein Dienst genau abläuft.
Womit wir morgens starten, wer wann welche Aufgaben auch außerhalb der Einsätze hat, womit wir uns außerhalb der Einsätze beschäftigen und wie man sich zwischen dem ganzen Retten auch mal Luft zum atmen verschafft.

Einer meiner letzten 24-Stunden-Dienste war so ein vollkommen durchwachsener Dienst, der alles inne hatte, was ein durchschnittlichen Dienst ausmacht. Es war weder einer dieser (immer seltener werdenden) Dienste, in denen man wenig fährt, noch einer dieser Dienste, in denen man sich vollkommen verausgabt hat.
Er war anstrengend. Er war stellenweise nervenaufreibend, aber er war eben auch genau so, wie er in den meisten Fällen läuft.
Eben genau deshalb werde ich euch anhand dieses Dienstes einmal beschreiben, wie meine 24 Stunden Rettungsdienst abliefen. Was ich erlebt und gesehen und wie ich das ganze mitgenommen und verarbeitet habe.

(Natürlich lege ich auch hier wieder allergrößten Wert auf Dinge wie Datenschutz, Schutz der Persönlichkeitsrechte und der Privatsphäre, also seht es mir nach, wenn ich an der einen oder anderen Stelle etwas oberflächlicher bleibe oder eventuell auch den einen oder anderen Umstand verfremde)

6:45 Uhr – Beginn der Rüstzeit:
Aufschlagen auf der Wache, rein in die dienstlich vorgeschriebene „Verkleidung“ und der Check, ob alles, was in die Taschen gehört an seinem richtigen Platz ist. Stethoskop, Pupillenleuchte, Kugelschreiber, Schlüssel, usw.

07:00 Uhr – Treff der gesamten Besatzungen am Küchentisch. Übergabe-Zeit:
„Wir sind X Einsätze gefahren, der RTW ist getankt und wir haben soweit alles wieder aufgefüllt. Achtet mal beim Fahren auf dieses und jenes, wir hatten damit gestern kurzzeitig Probleme und zur Info, heute müsste das und das bestellt/besorgt/getauscht/repariert werden.“
Der Anzahl der Informationen sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt.

7:15 Uhr – RTW Check:
Das Allererste, noch vor dem Frühstück (häufig zu unserem Leidwesen 😉 ) steht der Check des RTW an. Es muss einmal alles kontrolliert werden. Vom Blaulicht, was funktionieren muss, bis zum EKG-Gerät, was einer täglichen Kontrolle unterliegt.
Was bringt es einem das Frühstück vor den Check zu verlegen und später doch zum Patienten zu müssen und das unaufgefüllte Medikamente zu benötigen, was die Vorbesatzung vielleicht auch mal vergessen hat auf den RTW zu packen? 
Oder einen Ausfall eines Gerätes nicht bemerkt zu haben, was dem Patienten jetzt das Leben retten könnte?
Es muss wirklich alles gecheckt werden. Alles was elektrisch ist. Jedes Medizinprodukt. Das Material selbst. Alles um um das KfZ selbst, Öl, Kühlwasser, Adblue, Tank und so weiter, und so weiter.
Mit diesem ganzen Check kann man sich gut und gerne mal 30 bis 60 Minuten mindestens befassen.
Ist alles da? Funktioniert alles wie vorgesehen? Muss etwas aufgefüllt oder ausgetauscht werden?
Eben noch schnell tanken fahren, denn nur ein volles Auto ist ein gutes Auto und zurück zu Wache, direkt nach dem Check noch die notwendige Tagesdesinfektion eingebaut und dann nicht mal richtig fertig geworden…

8:35 Uhr – Erste Alarmierung:
Zimmerbrand gemeinsam mit der Feuerwehr. Adrenalin am frühen morgen direkt auf Anschlag.
ZACK Wach. Da brauch man keinen Kaffee mehr.
Dass sich der Einsatz am Ende als Fehleinsatz entpuppt beruhigt nicht nur schnell wieder alle Gemüter, sondern drückt das Adrenalin direkt wieder runter und treibt einem das Hungergefühl in den Magen.
Rückfahrt zur Wache und auf dem Weg dahin noch schnell Brötchen und etwas Aufschnitt besorgt. Die Kollegen haben in der Zeit schon den Tisch für alle gedeckt.

9:00 Uhr – Frühstück:
Ohne Mampf, bekanntlich kein Kampf. So ist das Thema Essen für den gemeinen Rettungsdienstler mit die wichtigste Amtshandlung des Tages überhaupt.
Ich persönlich mag es, wenn eine Gemeinschaft und ein Zusammenhalt auf der Wache entsteht. Womit kann man das besser implementieren, als mit gemeinschaftlich eingenommenen Mahlzeiten? In diesem Dienst klappte es sogar mal, dass sämtliche Besatzungen inklusive Wachleitung sich ein kurzes, aber deftiges Frühstück genehmigen konnten.
Gemeinschaft – in jeder Berufsfeuerwehr Gang und Gebe, in dem ein oder anderen Rettungsdienstbereich nach meinem Empfinden leider manchmal etwas vernachlässigt.
Oder doch nicht?

9:22 Uhr – Einsatz Nummer 2:
Pflegeheim, gemeldete Hypertonie.
Vor Ort zeigte sich nicht nur eine ältere, sondern auch eine chronisch, sowie akut schwer kranke Patientin. Wieder die volle Konzentration. 
Der Azubi im dritten Lehrjahr übernimmt die Anamnese, während ich als Praxisanleiterin ihm dabei auf die Finger schaue und der Rettungssanitäter-Kollege das Verkabeln und das Monitoring übernimmt. Wir sind uns schnell einig, dass die Patientin nicht kritisch, aber doch ernsthaft krank ist. Beginnende Sepsis.
“Na lieber Azubi, da war doch was mit der qSOFA? Einmal anwenden bitte!“ 
Der Verdacht nach Erhebung dieses Scorings verhärtet sich.
Schnell noch den venösen Zugang, restliche Anamnese des Pflegeheims übergeben bekommen, Transport-bereit machen und Abfahrt ins Krankenhaus.
Hier hilft nur eine schnelle Gabe von Antibiotika i.V. und das machen in der Regel weder Hausärzte noch Rettungsdienst, die Klinik ist für die Patientin also unausweichlich.
Nach der Übergabe im Krankenhaus kurz das Auto und den Notfallrucksack wieder hergerichtet, alles sauber gemacht und aufgefüllt, kurz noch ein Schlückchen zu trinken gegönnt, ab in den Status 1, zurück zur Rettungswache.

11:00 Uhr – Fortsetzung Tagesdesinfektion:
Alle Oberflächen, Griffe, Schalter und Hebel gründlich mit der Desinfektionslösung abwischen um da größtmögliche Keimbarrieren zu schaffen, während ein Kollege das verbrauchte Material aus dem Lager holt und entsprechend direkt wieder aufs Auto auffüllt.

11:26 Uhr – Alarm 3:
Einsatz in einer Arztpraxis, Zusatzinformation der Leitstelle: „Verdacht Norovirus“.
Also ein vermutlicher Infektionstransport. Gut, dass wir gerade eben erst geputzt hatten.
Vor Ort stellt sich eine bekannte massive Erbrechenssymptomatik bei bestehenden bekannten Migräneattacken heraus.
Norovirus ist also unwahrscheinlich und Schutzmaßnahmen sowie eine anschließende spezielle Desinfektion des RTW nicht nötig.
Dennoch eine kranke Patientin und vor allem eine Patientin, die nicht mehr nur vom Hausarzt behandelt werden kann, sondern dringend Flüssigkeit und eine Therapie ihrer wirklich massiven Migräne-Attacke benötigt. Also erneut Zugang, Infusion, Anbehandlung der Symptome gemeinsam mit dem Hausarzt und Transport in die Klinik.
Same Procedure wie nach Einsatz Nummer 2. RTW Auffüllen. Grunddesinfizieren. Aufräumen. Rückfahrt Wache.

12:30 Uhr – Die Außenwäsche des RTW ist dringend nötig.
Also kommt es auch vor, dass außer der Reihe und außerhalb des Tagesaufgabenplans, der RTW mal gewaschen wird. Wir entschieden uns, das kurz einzuschieben und konnten ihn gerade noch rechtzeitig vom Waschschaum befreien. 
(Wer von euch ist nichts schon mit noch halb-eingeschäumten Auto zum Notfall gefahren?)

14:20 Uhr – vierter Alarm:
Gemeldete Atemnot beim Kind. BÄM, das Adrenalin wieder direkt ganz oben.
Auf dem Weg zum Einsatz nochmal kurz alles zur Pädiatrie ins Gedächtnis gerufen. Pädiatrisches Beurteilungsdreieck, kindliche Normwerte bei Vitalparametern und welcher Notarzt kommt eigentlich dazu? Hoffentlich ist er spätestens zeitgleich mit uns da!
„Oh Gott ein Kindernotfall. Bitte, bitte lass es dem Kind gut gehen.”
Das laute Kinderweinen auf dem Weg durch das Treppenhaus beruhigte mich ungemein.
Ein weinendes Kind, ist ein atmendes Kind.
Gott. Sei. Dank. Gott. Sei. Dank.
Das Allerwichtigste.
Es zeigte sich ein Kind mit einem deutlichem fieberhaften Infekt, welches aber wesentlich weniger lebensbedroht wirkte, als angenommen.
Abgesehen vom Infekt ging es dem Kind gut. So gut, dass man sich im Verlauf mit den Eltern und dem Notarzt darauf einigen konnte im Interesse des Kindes einmal den Kinderarzt aufzusuchen und sich Medikamente verschreiben zu lassen.
An diese rehbraunen, riesigen Kulleraugen und das niedliche Kinderlächeln zum Abschied der Kleinen werde ich wohl noch eine weile denken. 🙂
Noch eine kurze Besorgung für das geplante Abendessen und was schnelles zum Mittag mitgenommen und wieder auf die Wache.

15:00 Uhr – während ich endlich zu der abschließenden Dokumentation und Abrechnung der ersten Einsätze komme, bereiten die Kollegen eine Kleinigkeit zum Mittag vor. Das große Mahl planten wir für uns erst am Abend. 😉

15:30 Uhr – Alarm 5:
Es reichte für ein ganzes halbes Brötchen, was auf dem Weg zum RTW noch schnell zwischen die Zähne geschoben wurde auf der Anfahrt zum Patienten erst gekaut und geschluckt werden konnte. Mehr Zeit gab uns das Universum nach der Dokumentation nicht mehr.
Es hilft alles jammern nichts, Einsatz ist Einsatz.
Hypertensiver Notfall. Klar ein Notfall, aber ein Notfall, der wirklich zum Tagesgeschäft im Rettungsdienst gehört.
Ich kann mich an wenige Dienste erinnern, an denen ich nicht mit bei Patienten mit Blutdruckentgleisungen stand und diese aus verschiedenen Gründen dann behandelt werden mussten.
Quasi ein Standart-Notfall, bei dem auch nicht mal viel erzählen kann.
Druck zu hoch, Anamnese, Monitoring, Druck senken wenn keine Kontraindikationen (Apoplex…..) vorliegen, enge Überwachung, Klinik anfahren. Fertig.
Kein Hexenwerk, aber ein Notfall, der ohne entsprechende Behandlung auch mal ganz schnell lebensbedrohlich werden kann.

17:00 Uhr – der große Hunger nähert sich.
Für gewöhnlich versuche ich/versuchen wir, wenn wir abends größer zu dinieren gedenken etwas früher am Abend zu essen. Man will ja doch irgendwie ein bisschen auf seine Linie achten und nicht so spät noch so schwerfällig sein.
Ich habe das Glück regelmäßig mit einem Kollegen eingesetzt zu werden, der es nicht nur mag zu kochen, sondern einem, der das auch noch ziemlich gut kann.
Für mich so als absoluter Koch-Legasteniker also absolut perfekt. 🙂
In der Runde entschieden wir uns schon in vorheriger Schicht für frische Cordon Bleu mit frischem Spargel. Ein Gedicht von einem Gericht.
Allerdings kam es, wie es kommen musste:
Just als das Essen fertig war und der Kollege aussprach: „Wir können in 2 Minuten essen.“ ging der Melder.
Stimme aus dem Off: „Sie konnten nicht in 2 Minuten essen.”

17:40 Uhr – Alarmierung Nummer 6:
Gemeldete bewusstlose Person. Ihr kennt das Spiel mit dem Adrenalin bei solchen Meldebildern bereits, hier verhielt es sich ähnlich.
Der vor Ort angetroffene, sitzende Patient offerierte aber schnell, dass hier niemand bewusstlos ist und auch die Lage im allgemeinen nicht so dramatisch ist, dass wir den Notarzt benötigen würden.
Der ältere Patient war vollkommen stabil, voll orientiert, aber doch etwas exsikkiert (ausgetrocknet). Durch die Familie erfuhren wir, dass er in den vergangenen Tagen wenig trank, was deutlich an seiner Haut zu sehen war und dass er kurz vor einem Kreislaufkollaps war.
Mit der Arbeitsdiagnose „Präkollaps bei Exsikkose“ ging es also auch dieses mal, nach der Versorgung, wieder in die Klinik. Dort angekommen, Übergabe gemacht fiel uns dann beim Ordnung schaffen allen wieder ein wie hungrig wir doch inzwischen wirklich waren.
Jetzt musste also endlich Zeit zum Essen sein.
Rückfahrt Wache.

18:55 Uhr – Essen
Manchmal hat man einfach im Gefühl, dass nicht viel Zeit bleibt. Also schiebt man sich das dafür eigentlich viel zu gute Essen bis zum völligen Überfüllungsgefühl in den Magen ohne es überhaupt angemessen genießen zu können.
Nur so viel: Es schmeckte fantastisch!
Ungefähr 30 Minuten der kulinarischen Verköstigung reichten um jedem von uns zwei ordentliche Portionen vorzuhalten (okay, der gestandene Feuerwehrmann würde meine Portionen eher als „Vorspeisen-Tellerchen“ bezeichnen, aber ich war wirklich satt).
Wer kennt es nicht dieses absolute Gefühl des Überfressen-seins, in dem man sich alles wünscht, außer einem Notfall, bei dem man wirklich aktiv-körperlich tätig werden muss!?
Es war genau einer dieser Momente. Die Küche sah aus wie nach einer Hochzeit mit ca. 750 Gästen, Zeit zum Aufräumen ließ man uns allerdings leider nicht.
Immerhin waren wir inzwischen satt. Sehr satt.

19:36 Uhr – Einsatz Nummer 7:
Erneut gemeldete akute Atemnot, dieses mal nicht beim Kind.
Also womöglich doch arbeiten. Gut, dass Adrenalin dafür sorgt, dass Dinge wie Verdauung und Völlegefühl vollkommen in den Hintergrund rücken und man die Fähigkeit entwickelt sich vom vollen Bauch, auf den lebensbedrohten Patienten zu konzentrieren.
Denn genau so war es in diesem Fall dringend notwendig.
Patient nicht ansprechbar. Unwillkürliche Reaktionen auf Schmerzreiz. Eine völlig verwirrte Angehörige. Notarzt aus dem Nachbarkreis auf Anfahrt.
Jetzt gilt es schnellstmöglich herauszufinden, warum der Patient nicht ansprechbar ist.
Das auf dem Tisch liegende Blutzuckermessgerät führte uns schnell auf eine wichtige Fährte, wir kontrollierten umgehend im Verlauf des ABCDE den Blutzucker, der mit 19mg/dl doch deutlich zu niedrig war. Lebensbedrohlich niedrig.
Ein Kollege anschließen des Monitorings, ein Kollege Vorbereitung Glucose i.V., ein Kollege i.V.-Zugang. Alles bei schlechten Licht- und Platzverhältnissen und einem Patienten, der auf jeden Körperkontakt mit unwillkürlichem Schlagen der Faust reagierte. Ungünstig.
Der Notarzt kam, wie es manchmal eben so ist, dann als alles schon wieder vorbei war und der Patient dank der erhaltenen Glucose schon wieder aufklarte und wach wurde.
Selbes Spiel wie zum Abschluss der meisten Einsätze. Kliniktransport, Auto wieder fit machen.
Übrigens (ich glaube ich erwähnte es schon ums ein oder andere Mal) Hypoglykämie (Unterzuckerung): Ein genialer Notfall. Einfach etwas Zucker in den Patienten und wie durch Zauberei wird aus einem lebensbedrohten Patienten ein quasi wieder „gesunder“ Patient. Zucker.. Etwas banales wie einfacher Zucker. Verrückt 😀

21:30 Uhr – zurück auf der Wache
Jetzt ist die Zeit um die zerstörte Küche wieder auf Vordermann zu bringen und die restlichen Tagesaufgaben zu erledigen. Leider nach diesem Tag eben erst abends halb10. Egal ob das Bestellung, Fahrzeugwäsche oder was auch immer ist. Tagesaufgaben haben ihren Grund und einfach mal aufschieben sorgt in der Regel im Verlauf der restlichen Woche für Probleme. Ohne Bestellung zum Beispiel zeitnah kein Material, denkbar blöd.

23:15 Uhr – Alarm 8:
Eigentlich die Zeit, in der man nach so einem Tag schon langsam darüber nachdenkt ins Bett zu fallen, für uns aber die Zeit, um zum nächsten Patienten zu fahren.
Häuslicher Sturz. Die Kollegen kennen das – in der Regel heißt das entweder a) jemand ist nur gefallen und kommt nicht allein auf die Beine, braucht Hilfe beim aufstehen und mehr nicht oder b) jemand ist gefallen und ist durch diesen Sturz auf irgendeine Art und weise verletzt und muss voll versorgt werden. Das Universum hatte ein Erbarmen mit dem Patienten und uns:
Option a) trat ein. Wir halfen dem gestolperten, älteren Herren auf, untersuchten ihn sehr gründlich, konnten nichts feststellen, hinterließen Protokoll und einige Hinweise und fuhren wieder Richtung Wache geradewegs ins Bett.

23:55 Uhr – Bett an. First Try.
Ich muss sagen, mir fällt das Einschlafen auf der Arbeit extrem schwer. Ich kann mich nur langsam so entspannen, dass ich tatsächlich Schlaf finde, auch nach Jahren in denen ich diesen Beruf inzwischen mache. (Übrigens ist es auch normal in den ersten zwei Diensten etwas Angst davor zu haben das Klingeln des Melders zu verschlafen, das flaut aber relativ schnell ab, denn ihr werdet wach und wenn nicht, werdet ihr geweckt. Versprochen. 😉 )
Irgendwann gegen 1 war ich dann durch lesen eines Buches so müde, dass mir tatsächlich die Augen zu fielen und gerade als ich anfing zu träumen, war das mit der Ruhe und dem Schlaf auch schon wieder vorbei.

2:30 Uhr – Einsatz Nummer 9:
Bewusstlose Person, vermutliche Reanimation.
Von Schlaf auf absolute volle Konzentration. 0 auf 100. Jetzt auf gleich.
Jetzt auf gleich voll da sein. Reanimation. DER Notfall überhaupt. Ich glaube auch hier dass es am Adrenalin liegt aber ich war wach. Hellwach. Irgendwie funktioniert man einfach in so einem Fall genau so wie man ausgebildet wurde.
Leider konnten wir nur feststellen, dass es nicht viel zu funktionieren gab. Der Patient war bereits seit längerem verstorben. Er war sehr, sehr alt und verstorben. Die Tatsache des Alters macht solche Situationen keinesfalls besser, aber zu wissen, dass er ein Leben gelebt hat, ein sehr langes Leben, macht es einfacher mit der Situation umzugehen.
Vor Ort wird alles Nötige getan. Angehörige werden vom Arzt benachrichtigt oder ggf. noch von uns betreut. Entsprechende wichtige Bescheinigungen werden ausgefüllt. Protokolle geschrieben.
Und dann, dann fährt man hell wach mitten in der Nacht, nachdem man eben noch mit dem Tod konfrontiert wurde zurück zur Rettungswache, als sei es das Normalste der Welt.
Für die einen unvorstellbar. Für uns leider eben tatsächlich normal und auch Bestandteil des Arbeitsalltags. Auch mitten in der Nacht.

3:30 Uhr – Bett an. Second Try:
Gleiches Problem wie vorhin. Kopf versuchen auszuschalten. Versuchen Kräfte zu tanken, hoffen, dass es nicht das Ende der Nacht ist. Buch in die Hand und schnell müde werden, schnell wieder schlafen können.

4:05 Uhr – Die Nacht war vorbei, Alarm Nummer 10:
Unklarer Notfall. Das kann alles sein. Vom Mückenstich (wirklich schon passiert!) bis zur Hirnblutung, über eine Geburt. Alles. Man erwartet also auch irgendwie alles und nichts.
Uns zeigte sich auch wieder ein recht typischer Einsatz aus dem Rettugsdienstalltag:
Ein Herr mit plötzlicher Luftnot und Druck auf der Brust. Akutes Koronarsyndrom, Verdacht Herzinfarkt.
So auch bestätigt im geschriebenen EKG. Der dazu geforderte Arzt ordnete die wichtigen Notfallmedikamente an und schon ging es so schnell wie möglich auf die Kathetertisch in das nächste Krankenhaus mit einer ansässigen Kardiologie.
Diese Nacht war definitiv vorbei.
Der (verhältnismäßig junge Mann) hatte Glück. Am Tag danach erfuhr ich, dass er ohne bleibende Schäden bald das Krankenhaus verlassen könne und er auf dem guten Weg der schnellen Besserung sei.
Für diesen Moment war unsere Nacht dennoch vorbei.

6:00 Uhr – zurück auf der Wache
Darauf warten, dass um kurz vor 7Uhr endlich die Ablöse kommt. Beten, dass es keinen weiteren Notfall und damit verbundene Überstunden gibt. Bett abziehen, aufräumen, letzte Dokumentationen machen. Alles, was eben noch so anfällt. Schlafen legen lohnt sich ohnehin nicht mehr.

6:45 Uhr – Übergabe. Raus aus der Verkleidung. Feierabend. Heimreise.

Es war einer dieser, für meine Wache, typischen Dienste. Einer dieser Dienste, bei dem so ziemlich alles dabei war. Patienten, die daheim bleiben konnten, Notfälle, Tod, Leben. Einfach alles.
Immerhin zwei vollwertige, recht ausgedehnte Mahlzeiten und immer mal wieder ein paar Minuten zum Durchatmen.
Es sind diese Dienste, die sowohl physisch als auch psychisch wirklich anstrengend sein können, die einem viel abverlangen, aber es war auch ein solcher Dienst, wie ich ihn liebe. Dieser Job wie ich ihn liebe.
Mit all seinen unberechenbaren schön, schrecklichen Facetten, all seinen Überraschungen und all seinen unerwarteten Momenten.


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