Unser kleines Karussell der medizinischen Fachrichtungen dreht sich endlich weiter.

Ich möchte heute mit einem ersten Teil in die Anästhesie schauen. Einem der wohl wichtigsten Themengebiete in der Notfallmedizin.
Ich glaube, dass man nicht um sonst sagt: „Anästhesisten sind die besten Notärzte.“ (Sollten dass hier jetzt Ärzte aus anderen Fachrichtungen lesen – nicht meine Worte! 😉 )

Ich möchte euch heute erst einmal mit einem kleinen Teil der Anästhesiologie, die sich ja aus der Anästhesie selbst, der Intensivmedizin, Notfallmedizin und der Schmerztherapie zusammensetzt näher bringen.

Die Schmerztherapie. Der damit verbundene Schmerz.

 

Schmerzen.
Jeder von uns kennt sie.
Wir alle wissen, was Schmerz bedeutet. Wenn es weh tut.
Wir können uns vorstellen wie sich ein bestimmter Schmerz anfühlt.
Denkt zum Beispiel jetzt, genau jetzt, daran wie es ist sich an einem Blatt Papier zu schneiden. Tief in die Haut an der Fingerkuppe. Dieser Schreck, gekreuzt mit brennendem Schmerz.
Das ziehende Gefühl, wenn eigentlich schon alles vorbei ist.
Dieses Pochen, wenn man auf seine kleine Wunde schaut.
Das Herzklopfen, wenn man den ersten Blutstropfen sieht.
Das Brennen, wenn man Desinfektionsmittel drauf kommen lässt. (Wer kennt es nicht?!)
Jeder von euch weiß ganz genau, was ich meine. Jeder von euch kann genau das in diesem Augenblick nach fühlen.

Lassen wir uns dieses Thema wiederum in drei unterschiedliche Bereiche einteilen. Denn Schmerz ist, wie wir alle wissen, nicht immer gleich Schmerz.

1. Die sichtbaren, äußeren.
Ein winziger, lächerlicher Schmerz verglichen mit dem, was uns draußen auf dem Rettungswagen erwarten kann.
Patienten, die vor Schmerzen schreien.
Oder sich vor Schmerzen winden.
Patienten, die nicht anders können als dieses furchtbare Gefühl, auf das wir uns niemals wirklich richtig vorbereiten können, heraus zu schreien in der Hoffnung es dadurch etwas zu lindern.
Trotz hoch dosiertem Morphin, Ketanest, Novalgin oder was auch immer.
Manchen Schmerz können wir draußen nicht immer ganz nehmen.
Den Schmerz bei Frakturen, wenn sie „in-line“ gerichtet werden müssen.
Den Schmerz während einer Geburt.
Den Schmerz den man hat, wenn die inneren Organe etwas machen, was sie nicht machen sollten. Nieren oder Gallen, die Steine haben.
Und dann gibt es diese Momente bei denen wir Schmerzen einfach weg zaubern.
Patienten, die mit ihren gebrochenen Gliedmaßen das Umlagern auf die Trage verschlafen.
Patienten, die auf anderen Planeten schweben, wenn sie unser „Zeug“ intus haben.
Frauen, die sich an die Schmerzen der Geburt nicht mehr erinnern können, weil Oxytocin ein verdammt wirksames Hormon ist, bei dem niemand mehr an die Schmerzen der Geburt denkt.
..Wäre ja auch denkbar schlecht. Vermutlich würde es wesentlich weniger Kinder auf dieser Welt geben, könnte jede Mutter nach dem ersten Kind jede einzelne Wehe weiter nach empfinden.
Ein Hoch auf die Natur!

Wir sehen fast jeden Tag schmerzverzerrte Gesichter, Blutdrücke die nach oben schießen, Pulse die sich beschleunigen, Kreisläufe die nass, blass und kalt werden, Ohnmachten. 
Alles Dinge die eine Folge von einfachen Schmerzen sein können.
Schmerz kann einen ausschalten. So richtig.
Dieser physische Schmerz, der so viele Gesichter hat. Drückend, stumpf, stechend, pochend, zerreißend oder vernichtend sein kann.
Vernichtungsschmerz. Der Schmerz den man spüren kann bei einem Herzinfarkt oder einer Hirnblutung. Vernichtung, ein starkes Wort in Verbindung mit dem Schmerz.

Unser Körper lässt nur so viel zu wie er ertragen kann. Bei allem anderen schaltet er ab. Man verliert das Bewusstsein. Der Körper kann den Schmerz und seine Folgen auf den Kreislauf nicht mehr kompensieren und beginnt sich zu schützen, indem er nur noch das Lebenswichtige aufrecht erhält.
Atmung. Sauerstofftransport. Blutkreislauf.
Fühlen, bewegen, riechen, schmecken, hören, sehen.. all das gehört in diesem Moment nicht mehr dazu. Es ist in diesem Augenblick nicht wichtig und muss nicht angesteuert werden können.
Also weg damit.
Erst einmal pausieren.
Andernfalls machen wir das.
Der Arzt, der Notarzt, der Anästhesist oder wenn es gar nicht anders geht auch der Notfallsanitäter oder Rettungsassistent.
Venöser Zugang, Ketanest mit Dormicum oder Morphin kombiniert und der Körper kann abschalten.
(Oder welche Mittel der Wahl auch immer der jeweiligen Situation zuträglich sind)
Narkose. Schlafen. Nichts mehr mitbekommen. Den Schmerz nicht mehr fühlen müssen.
Anästhesie. Altgriechisch für nicht-Wahrnehmung. (An-aisthesis)
So funktioniert es mit all den Schmerzen die eine physische Ursache haben.
In der Klinik werden sie therapiert, operiert, behandelt und irgendwann ist unser Patient hoffentlich für immer Schmerzfrei und kann sein Leben wieder in vollen Zügen genießen.
Sein Leben, dass nicht von dauerhaften, chronischen Schmerzen geplagt werden wird.
Schmerzen, die viele Menschen aus verschiedenen Ursachen niemals los werden.

2. Die unsichrbaren, inneren.
Dann sind da noch die Schmerzen, die keine physische Ursache haben.
Die Schmerzen, die einem dennoch das Gefühl geben, dass es einem die Kehle zu schnürt oder man jeden Moment in sich zusammen fällt.
Herzschmerz. Seelenschmerz.
Wenn wir verlassen werden. Uns jemand verlässt. Wir sehen, wie jemand anderes leidet.
Wenn wir mit einer Entscheidung leben müssen, mit der wir nicht gerechnet haben, oder wenn wir lernen müssen mit etwas zu leben, mit dem wir nicht gerechnet haben.
Denkt an Worte. Welchen Schmerz allein einzelne Worte in euch auslösen können.
Ich glaube, dass Menschen, die an Depressionen leiden mindestens genauso viel Schmerz empfinden, wie jemand, der sich einen Teil seines Körpers verletzt hat.
Nur länger. Dauerhafter. Intensiver. Und auf eine andere Art und Weise.
Aber sie fühlen Schmerz.

Liebeskummer. Eine Art von Schmerz, der man sogar ein gesamtes Krankheitsbild zukommen ließ.

Broken-Heart-Syndrome. Eine extrem belastende, emotionale oder körperliche Situation kann so etwas auslösen.
Ja, das gibt es wirklich. Man kann an seinem gebrochenen Herzen buchstäblich sterben. Zwar nur in 3,2% der Fälle, aber verrückterweise ist genau das im Bereich des Möglichen.

Wie fühlt ihr euch, wenn euch etwas verletzt? Seelisch?
Denkt an den Boden, den es euch unter den Füßen weg zieht. Ihr einen Kloß im Hals habt. Euch die Tränen in die Augen steigen. Ihr einfach nichts mehr sagen könnt.
Es ist ein Schmerz, den man irgendwie nicht richtig beschreiben kann. Einer von der Sorte, den man sehen und auch gleichzeitig nicht sehen kann.

Wenn Angehörige erfahren, dass ein geliebter Mensch leider verstorben ist, kann man diesen Schmerz am eindrücklichsten sehen, an dieser Stelle glaube ich auch daran, dass dieser Schmerz ansteckend sein kann. Diese Beklemmung die dann in der Luft liegt.
Sie kann übertragen und von anderen aufgenommen und wahrgenommen werden.
Diese Momente sehe ich nach beinahe jeder Reanimation, die nicht erfolgreich verlaufen ist.
Wir sind in fast allen Fällen weit davon entfernt zu sagen, dass sich der Schmerz dann so äußert wie in jedem Hollywood-Streifen. In denen, wo jemand weinend, kreischend in sich zusammenbricht vor lauter Kummer und Seelenschmerz.
Das gibt es. Allerdings selten.
Viel mehr ist es eine bedrückende, schmerzbehaftete Ruhe die oft einkehrt. Wenn niemand etwas sagt. Dieser Kurze Moment, wenn alle erst mal verstehen müssen, welche Emotionen und welche Art von „weh-tun“ da gleich auf einen zu kommt, sobald das gesagte aufhört widerzuhallen.
Irgendwie unsichtbar, aber doch immer wieder zu sehen.

3. Der unechte, manipulierende.
Das ist wohl diese Art von Schmerz, von denen wir meisten Rettungsdienstler ein Lied singen können.
Schmerzen die soooo krass, heftig, schlimm sind, dass man unter keinen Umständen mit seinem vermutlich nur geprellten Finger selbst versuchen kann in die Klinik zu gelangen.
Schmerzen die nach einem Sturz einfach zu unerträglich sind, um selbst 4 Etagen runter zu laufen, um dann in der Notaufnahme selbstständig von der Trage aufzustehen und mal eben eigenständig über den gesamten Gang zur Toilette zu gehen.
Schmerzen die seit 3 Wochen anhalten, nicht weggehen und jetzt, Sonntags nachts 3uhr, unbedingt, sofort vor Ort beseitigt werden müssen.

Jeder einzelne von uns könnte Bücher damit füllen, wie gerne doch immer wieder versucht wird Rettungsdienst- und Klinikpersonal mit vermeintlichem Schmerz zu manipulieren.
Wie oft etwas vorgetäuscht, dramatisiert oder erfunden wird, nur um eher dran zu kommen („Der ärztliche Bereitschaftsdienst sagte am Telefon die kommen erst in 4 Stunden, deshalb hab ich die 112 gewählt.“), nicht selbst laufen zu müssen („Ich kann mich wirklich nicht selbst bewegen, haben Sie keine Trage mit der Sie mich raustragen können? Aber ich darf dann vor dem Röntgen kurz noch raus gehen eine Rauchen oder?“), oder sich einfach nur aufspielen um sich wichtiger als alle anderen Patienten machen zu können („Ich sehe hier niemanden der gleich stirbt! Ich liege schon ne halbe Stunde hier und mir tut die Hand schon die ganze Woche weh! So beschäftigt können die hier gar nicht alle sein!“)
Und ja. Das alles sind O-Töne.

Ich denke viel mehr Aufmerksamkeit muss diesem verachtenswerten Verhalten nicht geschenkt werden.

Wir können Schmerzen nicht immer sehen. Uns bleibt nur die Chance den Patienten zu glauben, was sie uns sagen und damit auch wiederum so zu behandeln und zu versorgen, wie wir es in jenen Situationen gelernt haben.
Das wissen die Patienten. Jeder.
Und so wird es eben auch gern ausgenutzt.

Nach ein paar Jahren in der Medizin entwickelt man dafür ein Bauchgefühl.
Man merkt relativ schnell, dass die 21 jährige, die eben noch so heftige Rückenschmerzen hatte, dass sie keinesfalls raus laufen kann, sich aber bücken kann als wäre nichts gewesen, weil ihre Zigaretten runter gefallen sind, einem etwas vor macht.
Aber es ist eben immer nur ein Bauchgefühl. Eines auf das man sich nicht immer verlassen sollte.

Mir bleibt am Ende nur zu sagen:
Es gibt sie. Die Menschen mit den echten Schmerzen. Die, denen wirklich helfen müssen.
Es gilt allerdings diese von jenen zu trennen, die einen Oscar für ihre darstellerischen Leistungen erwarten.
Seid unvoreingenommen. Seid gründlich. Untersucht eure Patienten. Draußen können wir niemals alles erdenkliche ausschließen, was ursächlich sein kann.
Niemand sollte Schmerzen leiden müssen.
Schließlich ist sie genau dafür da. Die Anästhesie.


2 Kommentare

Butz · 11. März 2019 um 18:34

Eine sehr gute Zusammenfassung. Das Problem zu erkennen, ob ein Patient einem etwas vorspielt ist in der Praxis auch nicht einfach. Mit den Anästhesisten als beste Notärzte 🤔😜. Lass ich mal so stehen. Weiter so 👍

B · 11. März 2019 um 19:02

Ein wie immer sehr sehr toller Beitrag! Toll geschrieben und interessant, aber was ich besonders hervorheben möchte: der Teil mit den psychischen Schmerzen.
Ich weiß nicht, ob du aus eigener Erfahrung davon berichten oder dich einfach unheimlich gut einfühlen kannst.
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Schmerzen aufgrund von psychischen Erkrankungen, wie zB Depressionen tun unglaublich weh. Ich persönlich hatte noch nie schlimmere Schmerzen. Nur leider hilft gegen sie kein Anästhetikum.
Ich finde es super, dass du auch diese Art von Schmerzen erwähnt hast, die viel zu oft unter den Tisch fällt. Als ich den Abschnitt gelesen habe, hat das sehr sehr viel in mir ausgelöst und Erinnerungen wachgerufen.
Einfach danke für diesen Beitrag!

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