Ehrlich gesagt sitze ich schon einige Minuten vor dieser weißen Seite und weiß nicht so recht wie ich anfangen soll.
Kardiologie im Rettungsdienst. Herzenssachen.
Dinge die von Herzen kommen.
Schwieriges Thema, da es oft all entscheidend ist.

Fang ich doch einfach damit an:
Ich möchte heute tatsächlich einmal zwei Fälle vorstellen, bevor ich euch in einem zweiten Beitrag berichte, was uns kardiologisch alles so im Rettungsdienst betreffen kann.
Steigen wir also einmal mit zwei beschriebenen Fällen in die Thematik ein und führen wir sie dann in einem zweiten Beitrag ein paar Tage später fort.
Alles andere würde den Rahmen tatsächlich sprengen, denn kardiologisch habe ich tatsächlich schon so einiges gesehen, beinahe mehr als aus allen anderen Fachgebieten.

Also zwei Fälle.
Zwei Fälle die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Aber es sind zwei Fälle die mich in meiner Laufbahn vieles lehrten.
Demut. Unvoreingenommenheit. Professionalität. Empathie.
Gehen wir es an.

(Patientenrelevante Faktoren werden so abgeändert, dass ein direkter oder indirekter Nachvollzug zum Patienten nicht mehr möglich ist, Situation und Krankheitsbild wird allerdings realistisch dargestellt.)

Fall 1:
7.30Uhr morgens an einem Samstag in einem gutbürgerlichen Vorort.
Auf der Anfahrt sieht man schöne, neue Einfamilienhäuser. Häuser von denen man sagen würde „Oh, so ein Haus wünsche ich mir auch einmal.“
Die Alarmierung sagte uns nur, dass es sich um einen unklaren Notfall handele und wir ohne Notarzt zur Einsatzstelle fahren.
Wir hielten vor einem größeren Haus mit hübsch angerichteten Vorgarten. Eine Frau zwischen 40 und 50 schien uns bereits an der Haustür zu erwarten.
Ich griff zu Notfallkoffer und EKG, während der Kollege sich das Oxybag und die Absaugung schnappte.
Die, wie wir erfuhren, Ehefrau führte uns zum Badezimmer, in welchem wir den Ehemann vorfanden.

Ins Badezimmer eingetreten kroch uns sofort ein alkoholischer Geruch in die Nase. So ein Geruch wie wir ihn nur aus einschlägig, bekannten Wohnungen hauptsächlich aus sozialen Brennpunkten kannten.
Unser Patient zeigte sich groß, gepflegt, äußerst verwirrt, desorientiert, fahrig und unheimlich unruhig. Er kroch auf dem Boden und versuchte sich immer wieder schwankend und taumelnd, aber erfolglos aufzurichten. Kommunikation bestand aus Lallen und zusammenhanglosen Worten. Der zu fühlende Puls war nicht besonders kräftig.
Wird wussten es an diesem Punkt nicht besser und gingen von einer Alkoholintoxikation aus.
Gäbe es einen allwissenden Erzähler an dieser Stelle, in dieser Szene, so würde er sagen:
„Ein Fehler, wie sich noch herausstellen wird.“

Die Ehefrau berichtete uns, dass ihr 48 jähriger Mann am Vorabend auf einer Betriebsfeier war und selbstständig in der Nacht gegen 3-4uhr nach Hause gekommen sei.
Ich fragte, ob er mit einem Taxi nach Hause kam, sie verneinte und meinte, er würde nie viel trinken, sei selbst gefahren und wenn er das tue trinke er auch nie mehr als ein Bier.
Sie war sich sicher, dass es auch genau so gewesen sei.
Er legte sich zu ihr ins Bett und sie schliefen, am Morgen wollte er die Toilette aufsuchen und so ergab sich die vorgefundene Situation.
Wir entschieden uns den Patienten zuerst einmal aus dem Badezimmer zubekommen und in den RTW zu bringen, da die räumlichen Gegebenheiten uns keinen Platz zum Arbeiten ließen.
Gesagt, getan. Trage in den Flur, Patient mit zwei kräftigen Griffen unter den Armen drauf, ab ins Fahrzeug.
Dort fing ich sofort an die Blutdruckmanschette und den SpO2-Sensor anzulegen. Dabei fiel mir auf, dass der Patient sehr kaltschweißig war, was ungewöhnlich für eine reine Alkoholvergiftung ist.
Mein Kollege bereitete indes eine Infusion für einen venösen Zugang vor, ich begann das 4-Kanal-EKG zukleben. Unser Patient war weiterhin zu keinerlei Auskunft fähig. Von der Frau erfuhren wir, dass er keine relevanten Vorerkrankungen habe, sowie keine Allergien.
Direkt nachdem ich die 4 Elektroden geklebt hatte, wanderte mein Blick auf unseren Monitor und mir entfloh nur ein leises „Oh oh.“
Es zeigten sich schon ohne den Ausdruck zu sehen deutliche Veränderungen, die nichts gutes zu verheißen hatten. Ich entschied mich noch vor dem ersten Ausdruck für ein größeres, ein 12-Kanal-EKG, der Kollege klebte dieses, während ich sofort mit der Anlage des i.V.-Zugangs begann.
Grün, Unterarm links, Infusion dran, langsam laufend.
Im EKG zeigte sich folgendes: (Ich hoffe allen ist klar, dass dieses Foto NACH dem Einsatz entstand!)

Ein Herzinfarkt.
Ein richtig dicker, klassischer Herzinfarkt.
Unregelmäßigkeiten und Arrhythmien.
Das Herz war also dabei massiv geschädigt zu werden. Anhand der betroffenen EKG-Ableitungen tendierten wir zu einem Vorderwandinfarkt.
Der Blutdruck zeigte einen Wert von 75/40mmHg, was auch die kaltschweißigkeit erklärt, Sauerstoff-Sättigung und Auskultation der Lunge waren in Ordnung.
Wir forderten einen Notarzt nach, verabreichten schon 5000i.E. Heparin und 150mg Aspirin, machten den Patienten für den Transport fertig und fuhren dem Notarzt mit Blaulicht entgegen.
Der Patient war sehr instabil. Es ging um jede Minute. Bedenkt man, dass das nächste Krankenhaus mit Herzkatheterlabor noch 25Minuten entfernt war, war es allerhöchste Eisenbahn.
Der Notarzt stieg unserem Fahrzeug zu, der Patient war vom Zustand gleichbleibend schlecht.
Er gab dem Patienten noch etwas Morphin, noch während er unserem Fahrer sagte, dass wir sofort weiter fahren würden.
Ich brauchte nicht viel zu übergeben, ein Blick auf das EKG, ein weiterer Blick auf den Patienten reichte um zu erkennen, dass warten und quatschen ein Fehler wäre. Meine Übergabe machte ich während der Fahrt, telefonische Voranmeldung in der Klinik ebenfalls.

Im Klinikum angekommen, zeigten sich beim Einfahren erneut Veränderungen im EKG. Eine ventrikuläre Tachykardie. Es wurde also noch stressiger.
Blick auf den Patienten – immernoch fahrig, immernoch unruhig, immernoch desorientiert, also zumindest noch vorhandenen Puls. Unser Notarzt bestätigte das durch fühlen am Handgelenk.
„Schnell, fadenförmig, zusehen dass wir hoch auf den Tisch kommen, Patches kleben, und Beatmungsbeutel mitnehmen!“
Wir bereiteten uns also selbst für die 45-Sekündige Fahrt mit der Trage aus der Anfahrtshalle bis in den Herzkatheter auf das Schlimmste vor.
Oben angekommen wurde auch hier kurz dem Dienst-habenden Kardiologen nur das EKG unter die Nase gehalten, sowie ein Ausdruck der kürzlichen Veränderungen und sofort wurde reagiert und der Patient quasi noch beim Umlagern OP-fertig gemacht.
Wir waren raus.
Uns blieb nur noch den RTW wieder aufzuräumen und einsatzbereit zumachen.
Ein paar Tage später erfuhr ich, dass unsere Annahme richtig war, der Patient rechtzeitig therapiert werden konnte, ohne reanimiert werden zu müssen und er wieder im Laufe der Zeit gesund nach Hause kommen würde.

Vorurteile. Voreingenommenheit.
Diese beiden Dinge hätten beinahe zu Fixierungsfehlern geführt, hätten uns beinahe auf die falsche Fährte gebracht.
Es war rein unserer Gründlichkeit und der Professionalität zu verdanken, dass wir uns doch für ein Monitoring und „das volle Programm“ entschieden. Passierte es doch schon, dass man Patienten welche „nur“ eine Alkoholintoxikation hatten nur den Blutdruck kontrollierte und dann in die Klinik fuhr.

Seit diesem Tag bekommt jeder Patient ausnahmslos von mir das Grundmonitoring inklusive der vollständigen Anamnese nach ABCDE und SAMPLER.
Jeder.
Ein Fixierungsfehler soll mir niemals passieren. Niemals. Auch nicht mehr nur beinahe.

 

Ein paar Jahre später – Fall 2:
15Uhr nachmittags, Pflegeheim, Alarmierung mit „schlechter Allgemeinzustand, 85 Jahre“.
Mit Alarm hingefahren, denn man kann ja nie wissen.
Der Pflegedienst machte uns auf dem Weg zum Zimmer die Übergabe.

Dort fanden wir eine alte Dame liegend auf dem Boden vor, wach/voll orientiert/verlangsamt ansprechbar. Sie klagte über allgemeines Unwohlsein seit ca. einer Stunde, während mein Kollege das Monitoring komplett anbrachte und ich Lunge, Puls und alles weitere untersuchte.
hierbei fiel auf, dass die Patientin einen sehr langsamen Puls hatte.
Der lange Medikamentenplan zeigte, dass die Patientin multimorbid vorerkrankt war, auch am Herzen.
Zustand nach bereits 2 Herzinfarkten. Magen-Krebs. Arthrose, und, und, und…
Im EKG zeigte sich eine Herzfrequenz von 35 Schlägen pro Minute (eindeutig zu wenig), sowie deutliche Veränderungen, im Ausdruck erkannten wir einen AV-Block lll°. Der Blutdruck war mit 90mmHg systolisch recht niedrig.
Ich bat meinen Kollegen den Notarzt nachzufordern, da auch diese Patientin dringend eine Therapie brauchte.

Während der Kollege weg war versuchte ich bei schlechten Venenverhältnissen und schlechtem Licht einen Zugang zu finden.
Die Patientin griff nach meiner Hand und sagte:
„Nicht schon wieder ins Krankenhaus.
Frau Doktor, können sie mir nicht einfach etwas spritzen und mich hier in Frieden sterben lassen? Der liebe Gott holt mich doch schon, also lassen sie mich einfach gehen.“

Mit einem dicken Kloß im Hals versuchte ich der Patientin zu erklären, dass ich keine Ärztin bin und ich ihr auch nichts spritzen könnte und selbst wenn wir ihr etwas spritzen würden, wir sie dann auf jeden Fall mit ins Krankenhaus nehmen müssten.
Mein Kollege kam wieder ins Zimmer mit dem Telefon am Ohr und sagte, dass das nächste Notarzt-Fahrzeug 15 Minuten brauchen würde, angesichts der Tatsache, dass wir nur 4 Minuten in die nächste kardiologische Klinik brauchen würden entschied ich mich gegen den Notarzt.
Ich erklärte der Patientin nochmal, dass ich sie so, ohne Notarzt ohnehin nicht vor Ort lassen könnte, klebte ihr vorsorglich schon die Patches für einen transkutanen Herzschrittmacher, also einen Schrittmacher der von außen an den Patientin gebracht wird und das Herz mittels Strom an eine richtige Herzfrequenz „erinnern“ soll.

Wir lagerten die Patientin um und brachten sie in nicht einmal zwei Minuten in den RTW. Der Kollege sprang sofort auf den Fahrersitz, während ich die Patientin weiter versorgte.
Inzwischen hatten wir immer noch eine Herzfrequenz zwischen 35 und 40, sodass ich mich aktuell immer noch gegen den Schrittmacher entschied, da sich auch der Blutdruck, sicher auf Grund des Stresses, um die 90-100mmHg systolisch hielt.
Nochmals bat mich die Dame darum sie endlich gehen zu lassen, ihr leiden nur zu verbessern und zu erleichtern und sie sterben zu lassen. Sie sagte mir, wie lieb und freundlich sie mich findet und dass ich ein hübsches Mädchen sei. Sie erzählte mir, dass auch sie als junges Mädchen ein tolles Leben hatte.

Mir waren die Hände gebunden. Ich verstand sie. Ich konnte ihre Gedanken sehr gut verstehen.

In der Klinik angekommen brachten wir sie in den internistischen Schockraum, machten unsere Übergabe und sofort begann das Team vor Ort zu arbeiten.
Vor dem Schockraum bekam ich durch einen winzigen Spalt an der Tür mit, dass die Herzfrequenz langsamer wurde und sich das Team für die Aktivierung des Schrittmachers entschied.
Keine zwei Minuten später hörte ich die Frage „Gibt es eine Patientenverfügung? Wir müssten reanimieren!“
Es gab eine Patientenverfügung. Sie wollte gehen.
Sie durfte gehen.
Sie konnte endlich gehen.
Sie ist gegangen.

5 Minuten nach dem wir in der Klinik waren ist sie gegangen.
Gerade einmal 5 Minuten.
Mir liefen die Tränen, obwohl ich das nicht wollte.
Eine alte, kranke Frau, die ein wunderbares Leben hatte, wie sie sagte, durfte nach Jahren der Krankheit endlich gehen.
Weil ihr Herz das so entschieden hatte.

Ich kann nicht beschreiben wie ich mich gefühlt habe.
Traurig? Erleichtert? Irgendetwas dazwischen vermutlich.
Dieser Einsatz hat mich zum Nachdenken darüber gebracht, wie viel wir manchmal wirklich noch geben und den Patienten “antun“ sollten.
Er bringt mich bis heute darüber zum nachdenken.

Hätten wir auf den Notarzt gewartet, wäre sie vermutlich noch vor Ort verstorben.
Wäre das die bessere Entscheidung gewesen? Wäre das klüger gewesen?

Ich kann mit meiner Entscheidung inzwischen sehr gut leben, weil ich weiß, dass sie so oder so nicht mehr lange leiden musste.
Weil ich weiß, dass Sie gehen durfte bevor sie wieder den ganz großen Untersuchungen unterzogen wurde.
Ich wusste, dass eine Ihrer letzten Worte waren, dass sie ein schönes Leben hatte.
Mit 85 Jahren, einem schönen Leben und einem Leben später voller Krankheit darf man gehen. Sollte man gehen dürfen.
Jetzt habe ich nur noch Respekt. Respekt vor so viel Alter. Vor so viel Leben. und vor so viel Mut auch sagen zu können, wenn man nach so vielen Jahren bereit dafür ist sein Leben enden zu lassen.

Vielleicht trifft das Herz doch Entscheidungen, die gut für uns sind.
Vielleicht sollten wir alle mehr auf unser Herz hören.

Bis zum zweiten Teil der Herzenssachen.


1 Kommentar

debbie · 11. Januar 2019 um 23:50

Mit dem Beitrag der älteren Dame hast du mir gerade Tränen in die Augen getrieben… So einen ähnlichen Fall habe ich auch schon gehabt und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, was man gerade fühlt oder fühlen sollte.

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