Das medizinische–Fachrichtungen–Rettungsdienst–Karussell geht in die erste Runde.

Für die erste Runde habt ihr euch via Instagram das Thema Trauma gewünscht, also kriegt ihr Trauma. 😎

Bevor ich richtig in das Thema einsteige, möchte ich kurz einmal erläutern, was ich mit dieser Aktion erreichen möchte, was der Zweck dieser Berichte sein soll und wozu meine Schilderungen vielleicht auch in eurem Alltag dienen sollen.

Mein Ziel ist es dem Rettungsdienst das nötige Gehör zu geben, was er verdient.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht diesen Beruf nackt, offen und ehrlich zu zeigen wie er wirklich ist und damit auch, was alles dazu gehört.

Inhaltlich. Fachlich. Persönlich.

Wie oft ist es doch noch so, dass wir als besseres Taxi abgestempelt werden oder dass man uns an den Kopf wirft, dass wir doch nur zum Transportieren da sind und mehr nicht?

Dem möchte ich endlich Abhilfe schaffen, besser noch, ich möchte diese Vorurteile und diese Aussagen endlich beenden!

Große Aufgabe, aber vor allem mit eurer Hilfe denke ich sie zumindest ein Stück weit zu bewältigen.

Ich möchte aufzeigen, was einen wirklich da draußen auf dem Rettungswagen erwartet, fernab vom einschlägigen, unrealistischen Tagesprogrammen diverser privater TV–Sender.

Ich möchte aufzeigen, wozu wir mit unseren „rollenden Intensivstationen“ in der Lage sind.

Und ich möchte aufzeigen, dass Notfallmedizin manchmal auch anders ist als Medizin in einer Arztpraxis oder in der Klinik.

Kommen wir heute also zum ersten Teilbereich der präklinischen Notfallmedizin, des Rettungsdienstes:


Die Traumatologie.

Ich habe einhundert Leute gefragt, was ihnen zuerst zum Schlagwort „Trauma“ einfällt, 100 antworteten „Verkehrsunfälle“…

So in etwa könnte ich einsteigen, wenn ich diese Umfrage tatsächlich gemacht hätte. 🙈

Toll. Da versucht man zu zeigen, dass das Leben auf dem RTW eben nicht nur aus den dramatischen Verkehrsunfällen und Polytraumen besteht und das erste was ihr euch zu lesen wünscht ist im Prinzip genau das. 😐

An dieser Stelle möchte ich schon das erste Vorurteil zerschlagen:

„Kraaaaaass! Da kommt bestimmt jetzt voll viel Blut und endlich mal heftige Bilder von Verletzungen!“ 😱

Nein.

Natürlich nicht.

Wer mich kennt, weiß, dass ich das mit den patientenspezifischen Daten sehr genau nehme.

Wer mich kennt weiß, dass ich definitiv etwas gegen Katastrophentourismus und Gaffer–Mentalitäten habe, was würde es also aus mir machen, wenn ich euch jetzt hier Bilder vorsetze, die für den einen oder anderen vielleicht nicht einmal aushaltbar sind?

(Wer dennoch ein paar Impressionen benötigt, für Lehrzwecke ist das ja doch auch immer mal sinnvoll, darf sich gern auf Instagram mal umschauen, @medschoolposts @savageparamedics oder @nbradiologists sind z.B. Seiten, auf denen man sich gerade zum Thema Trauma einiges ansehen kann)

Wer von euch nochmal von meinem bisher Trauma–lastigsten Einsatz lesen möchte, darf sich gern nochmal zum Beitrag „Cave: Kann Spuren von Blut enthalten“ verirren.

Mehr Trauma geht wirklich nicht.

Um aber mal tatsächlich in das Fachgebiet einzutauchen ein kurzer Auszug(!) von dem, was ich über die Jahre hinweg am meisten traumatologisch versorgt habe:


Kopfplatzwunden.

In jeder Größe, jeglicher Couleur, tief, flach, stark blutend, Blutung stehen und daheim gelassen, zum nähen, zum einfach nur bepflastern.

Ihr merkt, schon hier kommen ganz verschiedene Dinge auf einen zu. Entscheidungen die getroffen werden müssen.

Wie ist die Platzwunde entstanden?

Zeigt der Patient Anzeichen einer Gehirnerschütterung? Desorientiertheit? Übelkeit? Erbrechen? Bewusstseinsverluste? Amnesien? Kopfschmerzen?

Wie ausgeprägt ist die Wunde? Wie verhalten sich die Wundränder zueinander?

Muss die Wunde genäht werden?

Und da sind wir noch lang nicht bei einem schweren Schädel–Hirn–Trauma angekommen, sondern gerade mal, wenn überhaupt bei Grad 1.

Gehen wir mal in der Eskalation weiter, so stellen sich uns noch ganz andere zu bewältigende Fragen:

Wie tief bewusstlos ist der Patient? Muss er vielleicht sogar intubiert und beatmet werden?

Womit leiten wir die Narkose ein, was könnte der Notarzt am ehesten vorbereitet haben wollen? Wie sehen die Pupillen aus?

In welchen Fachbereich der Klinik bringen wir diesen Patienten?

Unfallchirurgie ausreichend oder doch ein Haus mit Neurochirurgie?

Ihr merkt also – schon eine simple Kopfplatzwunde kann sich reaktiv schnell, komplex entwickeln.

Und das ist nur ein kleiner, winziger Teil aus dem Bereich Trauma.

Gehen wir doch am Körper mal an Stück weiter nach unten und kommen wir zu dem, was mir bisher am zweithäufigsten begegnet ist, wenn wir über Verletzungen sprechen:


Extremitätentraumata.

Da muss ich nur an Silvester denken, an unseren Patienten, der beim Versuch mit dem Hoverboard zu fahren einen unsanften abstiegt machte und sich jämmerlich (buchstäblich!) um zwei Ecken sein Handgelenk brach.

Ich muss gestehen, dass sind für mich Einsätze die mir am meisten Spaß machen und die ich am liebsten abarbeite.

Bevor mich jetzt jeder für bekloppt hält, erklär ich euch kurz warum:

Ein gesunder junger Patient, ohne großartige Vorerkrankungen, der einfach nur einen blöd–gebrochenen Arm hat.

Klar tut das weh, klar ist das in den nächsten Wochen und vor allem in dieser Sekunde für den Patienten ziemlich ätzend – aber hey!

Etwas Schmerzmittel ein bisschen was zum schlafen, den Arm „in Line“ (in die Ausgangsposition) gezogen und anständig geschient, schon ist der Patient in den meisten Fällen fast schmerzfrei innerhalb von ein paar Minuten.

Dann geht es nur noch in die Klinik, Röntgen, im schlimmsten Fall noch eine Operation, ein paar Wochen Gips und Zack – Arm oder Bein wieder ganz!

Ehrlich, unser Körper ist ein Wunderwerk!

Und das Einzige was dann in den allermeisten Fällen bleibt ist die reine Erinnerung an

„Joa, ich hatte mir da irgendwann mal den Arm gebrochen.“

Ich find das klasse.

Das Problem vor Ort direkt zu sehen und umgehend für die Behebung bzw. zumindest Verbesserung der Problematik sorgen, sofort etwas machen zu können und einen direkten Erfolg zu sehen.

Das ist genau mein Ding, ich mag diese Einsätze.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte das nicht verharmlosen. Vor allem nicht aus Respekt gegenüber den Patienten und Leuten unter euch, bei denen solche Verletzungen an Arm und Bein eben nicht so komplikationslos verlaufen sind.

Im Grunde kann man aber sagen, dass diese Fälle tatsächlich präklinisch die Seltenheit sind, vor allem auch dem geschuldet, weil wir meistens gar nicht mehr mitbekommen ob es Komplikationen gab oder nicht.

Unser Job ist es schmerzfrei zu machen und fachlich korrekt zu schienen um Folgeschäden zu vermeiden und auch hier gibt es wieder viele Fragen die geklärt werden müssen:

Welche Schmerzmittel? Ketanest/Dormicum? Oder doch die Betäubungsmittelbox?

Sam–Splint oder Vakuumschiene?

Sichere Bruchzeichen erkennbar (Fehlstellungen, Krepitationen, offene Brüche)?

Und wie zum Teufel ist das eigentlich passiert?

Kleiner Bruch der Vorteile auch an dieser Stelle:

Nein! Ihr müsste keine Schmerzen leiden, ihr müsst nicht den Held spielen! Sowas tut weh, ihr dürft sagen dass es so ist und ihr dürft selbstverständlich auch nach Schmerzmitteln fragen oder sagen, wenn die Dosierung nicht ausreichend ist.

Zu oft erlebe ich es, dass (vor allem die Männer 😜) gern mehr auszuhalten versucht wird als notwendig. Ihr seid trotzdem stark. Und ihr seid trotzdem Helden. Meistens danach schlafende Helden auf einem „kleinen Trip“, aber ihr bleibt Helden! 💪🏻😌

Kommen wir einmal zu dem, was uns natürlich auch betrifft und auf dem RTW erwartet, wenn wir von „Trauma“ sprechen, was aber wirklich, und ich meine wirklich wirklich!, die Seltenheit darstellt:


Die richtig schlimmen, die großen Polytraumata.

Wer kürzlich die Nachrichten in NRW verfolgte, vielleicht auch sogar bundesweit las genau davon. In meinem unmittelbaren Wachbereich, innerhalb weniger Wochen, zwei Verkehrsunfälle wie sie schlimmer nicht sein könnten.

Jeweils mehrere Schwerverletzte, mehrere eingeklemmt, viele Tote. Und das bei gerade mal zwei Unfällen.

Ich bin froh, so unendlich froh an diesen Tagen nicht im Dienst gewesen zu sein, froh diese Einsatzstellen nicht gesehen haben zu müssen.

Das ist nicht schön. Wird es niemals sein.

Vor allem wenn man im Hinterkopf hat, dass ganze Familien über solche Tragödien zerstört werden.

Aber ja, sie gehören dazu.

Sie gehören dazu, wie schwere Verbrennungen, Stromunfälle oder zum Beispiel Stürze aus großer Höhe.

Sie. Gehören. Dazu.

Das muss einem klar sein, zu jeder Zeit.

Irgendwann wird auch für mich dieser Alarm kommen. Dieser Alarm, der genau so eine Situation für meine Kollegen und mich bereit hält. Genau dann ist es eben wichtig, sich klar zu machen, dass wir nicht nur Taxi sind, dass wir nicht nur zum Transportieren da sind, sondern dass unser Vorgehen in den ersten paar Minuten über das gesamte Leben der Patienten entscheidet.

Wen versorge ich zuerst? Wer muss zuerst und dringender in die Klinik?

Eine komplette Untersuchung und Einschätzung in bestenfalls nur 120Sekunden.

Gerade einmal 120Sekunden.

Können wir diesem Patienten wirklich noch helfen?

Wie können wir am schnellsten innere und äußere Blutungen kontrollieren?

Beckenschlinge? Tourniquet? Oder doch Tranexamsäure?

Wie immobilisieren wir? Welche Schmerzmittel lassen wir diesen Patienten zukommen?

Der Patient braucht Volumen, viel Volumen. Flüssigkeit, die irgendwie seinen Organismus weiter arbeiten lassen kann. Das setzt mindestens einen venösen Zugang voraus. Unter den schlechtesten Bedingungen. Wenig Licht, kaum zugängliche Einsatzstellen, all sowas.

Aber das erwartet man von uns.

In meiner Laufbahn hatte ich auch oft Patienten Monate nach solchen Unfällen in meinem RTW, meistens im Rahmen der Rehabilitation und einer Verlegung. Es ist also klar, dass man so etwas überleben kann, wenn die Umstände stimmen.

Manchmal sind einer dieser entscheidenden Umstände wir.

Oft können aber auch wir, trotz aller Versuche nur noch zusehen und nichts mehr tun.

Es gehört dazu. Aber es ist gut, dass es selten vorkommt. Immer seltener.

Niemand hält so etwas dauerhaft und immer wieder aus. Das sollte auch niemand.


Fassen wir diese drei näher betrachteten Dinge einmal zusammen:

Es gibt natürlich keine Verletzung die uns da draußen nicht begegnen kann.

Dennoch ist und bleibt zum Schluss nur zu sagen – Traumata machen nur einen der geringsten Teile in der präklinischen Notfallversorgung aus. Sie verlangen oft viel von

 einem und werden deshalb umso intensiver trainiert, aber die richtig dicken Traumata und Verletzungen sind und bleiben selten.

Ich möchte auch noch ergänzen, dass es sich hierbei wirklich nur um einem Auszug handelt. Traumatologie ist ein riesiges Fachgebiet, auch in der Präklinik, das lässt sich kaum in einem Beitrag schnell mal vollumfänglich zusammen fassen.

Sollten genug Fragen dazu sein, können wir auf jeden Fall nochmal über “Trauma–Teil 2” verhandeln. 😉

Bis dahin und bis zum nächsten Beitrag, wenn es dann heißt – “Hallo Kardio! Herz, was machst du eigentlich für komische Sachen?”

Euer @Scherfchen


1 Kommentar

Michelle · 7. Januar 2019 um 8:39

Freu mich schon auf einen Kardio Beitrag von dir!😍 ich finde dass das Herz ein unfassbar spannendes Thema ist und nach meiner jetztigen Aufbildung werde ich definitiv auch meinen Notfallsanitäter machen!😍 und bereite mich eigentlich schon seit meinen FSJ im Krankenhaus (also ca.1 1/2 Jahre) schon darauf vor!😍

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