Bevor ich euch von meinen Anfängen und von dem was ich jetzt bin berichte, möchte ich mich erst einmal für die Gelegenheit bedanken hier auf diesem Blog schreiben zu dürfen und so ein Teil von hoffentlich noch unfassbar Vielem zu sein.

Ebenfalls kurz eine kleine Einführung zu mir:

Ich heiße Christin, bin inzwischen ganze 25 Jahre alt und darf mich mittlerweile nach vielen Steinen, Ausbildern und Praktika Notfallsanitäterin im Rettungsdienst schimpfen. 

Meine Ausbildung habe ich in drei Schritten absolviert.

Los ging es mit der Ausbildung zum Rettungssanitäter, anschließend mit dem Examen aufbauend zum Rettungsassistenten und schließlich am Ende mit einem zweiten Examen zur Notfallsanitäterin.

Jeder dieser Schritte umfasste immer mindestens ein Praktikum in der Klinik und eines auf einer Rettungswache. Ich hatte das Glück nicht nur viele Rettungswachen, sondern auch tatsächlich jede Menge Kliniken in diesem Rahmen von innen zu sehen, der ich alle drei dieser Schritte in verschiedenen Bundesländern absolviert habe.

Lustiger Weise (oder eigentlich eher gar nicht so lustiger Weise) sind diese Dinge über die ich euch hier schreibe in allen Kliniken oder Wachen die Gleichen und ich bin sicher, sie werden erstens mit Sicherheit schon immer so gewesen sein und zweitens sich mit großer Wahrscheinlichkeit niemals ändern.

Wie gesagt, alles was hier geschrieben steht, hat mich in ähnlicher Form in all meinen Ausbildungsstufen begleitet.

Gestalten wir diese Geschichte also in zwei Teile:

Ich berichte euch (heute) zum einen aus der Klinik und meinem einprägsamsten Erlebnis dort, sowie zum anderen aus meiner Praktikantenzeit an der Rettungswache, und dem was für mich dort am prägnantesten war.

Im Voraus kann ich sagen, dass ich für jede Einzelne meiner Erfahrungen dankbar bin, und in keiner Situation etwas ändern würde, wenn ich diese noch einmal erleben könnte, sonst wäre ich nie das geworden was ich heute bin – auch Fern ab meines Ausbildungsstandes.

Legen wir los..

Mein erster Tag in der Klinik.

Zugegeben, mein erster Tag in der Klinik war nicht wirklich mein erster Tag  in der Klinik, denn ich habe während meiner Schulzeit schon das ein oder andere Pflegepraktikum in einem kleinen Krankenhaus absolviert, nur um dann festzustellen, dass Pflege eigentlich gar nicht so mein Ding ist.

Okay, grenzen wir das mit dem ersten Tag nochmal etwas ein:

Erster richtiger Tag in der Anästhesie.

Zumindest so in der Anästhesie, dass ich behaupten kann, ich verstehe im Grunde was die alle da genau machen und kann den einen oder anderen Handgriff wie Zugang legen, Intubation unter Anleitung und mit Hilfestellung oder Vorbereitung einer Narkose schon selbst machen.

Sprich, nicht mehr ganz am Anfang meiner Ausbildung. Ist auch Wurst, spielt nämlich für die Geschichte nicht die dominierende Rolle.

Auf dem Tisch hatten wir einen älteren Patienten, welcher eine Hüft-TEP (totale Endoprotese für die Hüfte – ugs. „ne neue künstliche Hüfte“) bekommen sollte.

Die Narkose lief, die Chirurgen waren schon kräftig am schnippeln und operieren und der Anästhesist beobachtete entspannt seinen Monitor, bis er die diensthabende Anästhesieschwester bat kurz alles weiter zu überwachen und ihn bei (sehr unerwarteten) Problemen zu rufen. Gesagt getan.

Die Schwester stellte sich in Blickrichtung zum Monitor relativ neben das restliche OP-Team um vom laufenden Klatsch und Tratsch, sowie den Geschichten die der chirurgische Oberarzt zum besten gab nichts zu verpassen. Im Hintergrund lief übrigens ACDC – die Lieblingsband des Operateurs.

Ich wurde indessen direkt am Narkosegerät und vor dem Monitor geparkt um alle 5 Minuten Blutdruck, Herzfrequenz und Beatmungsparameter ins Anästhesie-Protokoll einzutragen.

(Glaubt mir, ich habe noch nie so sekündlich, peinlich genau darauf geachtet die Daten korrekt einzutragen um ja die perfekte Praktikantin zu sein!)

Ich muss euch ganz ehrlich sagen: Mir kam das alles echt super skurril und surreal vor.

Da liegt ein aufgeschnittener Mensch auf dem OP-Tisch. Es riecht nach verbrannter Haut (was leider beim veröden der Gefäße, um Blutungen zu minimieren, nicht ausbleibt). Man hört unablässig entweder die Knochensäge, den Sauger, den Kauter (das Ding zum veröden/„wegbrennen“). Auf dem Boden ist es inzwischen matschig, weil Blut und diverse andere Flüssigkeiten (NaCl zum spülen oder sonst was) den OP-Tisch hinunter laufen. Im Hintergrund laufen Songs wie „Highway to Hell“ oder „Hells Bells“. Und der Chirurg erzählt von der letzten Grillparty mit seiner Familie, bei der auch irgendwie das halbe Krankenhaus anwesend gewesen sein muss.

Alles in allem hatte ich mir das irgendwie nicht so entspannt vorgestellt. Nicht so in einer Grillparty-Schwätzerchen-Atmosphäre.

Eher so à la Greys Anatomy oder sonstigen Arztserien, bei denen keine einzige OP ohne Zwischenfälle verläuft (Ist euch das mal aufgefallen?!).

Ich hab also „stolz wie Oscar“ da gesessen, das ganze Treiben beobachtet, immer schön die Werte notiert und mich meines Lebens über meine ach so wichtige Aufgabe gefreut. Ich hab mich als Teil dieses Teams gefühlt. Kurz mal.

Jetzt wirklich mal voll im Ernst: In diesem Moment fühlst du dich so richtig wichtig als Praktikant – du hast nämlich ne richtig echte Aufgabe, auch wenn du das kleinste Licht in diesem riesigen OP-Saal bist.

Da sitzt du ganz alleine (also im Umkreis von einem Meter befindet sich nur noch der Patient) vor so einer riesigen Narkose-Beatmungs-Super-Modernen-Alleskönner-Maschine (ich war mir zu diesem Zeitpunkt sogar fast sicher, dass die auch Kaffee kochen könnte), und hast die ehrenvolle Aufgabe das Protokoll des Anästhesisten zu führen, zu aktualisieren und laut Bescheid zu sagen, sobald du das Gefühl hast „EYYYYY HIER LÄUFT WAS SCHIEF!“.

…Und dann läuft einfach nichts schief. Das ist echt.. wie soll ich sagen? Ernüchternd. Schließlich läuft bei Greys Anatomie ja auch immer was schief.

Dann, auf einmal -BÄM- der Blutdruck des Patientin schnellt in die Höhe. Aus den bisher normalen 120/80mmHg wurden auf einmal 160/100mmHg und deine super gebildeten und top-notfallmedizinisch ausgebildeten Alarmglocken fangen an zu läuten und sagen deiner inneren Stimme „HUHU! HYPERTONIE-ALARM!“.

Das war er dann! Mein Moment! Mein Moment um so richtig fachlich glänzen zu können und einen klugen Vorschlag einzuwerfen!

Während ich so weiter überlegte: „ZACK“ Druck auf 170/105mmHg.

Okay Scherf, Cool bleiben, Bescheid sagen, kreativen klugen Vorschlag liefern:

Ich hörte mich sagen:

„Schwester, der Patient wird zunehmend Hyperton, soll ich eine Ebrantil aufziehen?“

Gott wie klug ich mich in diesem Moment fühlte. Bis ich Gelächter vernahm.

„Was willst du denn mit Ebrantil?“

-„Na den Blutdruck senken!“ (Voll überzeugt natürlich!)

„Äh nee, hier wird gar nichts gesenkt und erst recht nicht mit Ebrantil. Was unser Herr hier braucht ist einfach etwas Nachschub vom Fentanyl.“

-Diesen Satz sprach sie natürlich nicht ohne schämisches Lächeln aus.

Sie verwies mich meines Platzes, teilte mir die Raumecke zu und gewährte mir doch lieber erst einmal  das Privileg nur zuzusehen.

Ich überlegte noch, ob ich da etwas verwechselt hatte, war mir aber völlig sicher Ebrantil würde tatsächlich zur Senkung des Blutdrucks eingesetzt werden. (Ist auch echt so.)

Sie gab dem Patienten nochmal eine Runde BTMs und augenscheinlich senkte sich auch der Blutdruck wieder ein wenig.

Von der OP bekam ich die restlichen 2 Stunden (Ja, so eine TEP dauert unter Umständen echt lange) fast nichts mehr mit, da die Chirurgen ohnehin nichts weiter erklärt haben und ich mich ja generell nicht mehr nähern durfte, da offenbar jeder in diesem Raum Angst hatte ich könnte diesen Patienten einfach nur vom näheren Beobachten töten.

Irgendwann im Verlauf tauchte dann auch unser Anästhesist wieder auf, die Schwester berichtete davon, wie sie (!) ordnungsgemäß den Verlauf der Narkose dokumentierte und dass sie nochmal ein wenig Fentanyl nachgegeben habe.

Der Druck hielt sich allerdings seitdem weiter um die 150mmHg systolisch.

Was machte unser Doc?

-Öffnete die Schublade am Narkosewagen, holte eine Ampulle Ebrantil raus, zog sie auf und verpasste unserem Patienten ein etwas davon.

..Dieser Moment, wenn du für deinen Vorschlag, der anscheinend gar nicht so dumm war ausgelacht wurdest und er am Ende doch umgesetzt wird.

Nach der OP wurde mir von der Schwester noch höchst förmlich und überaus freundlich (nicht) mitgeteilt, dass ich lediglich erstmal beobachten solle, schließlich steht es mir in diesen Räumlichkeiten nicht zu Situationen zu bewerten oder gar Therapievorschläge zu machen, woraufhin der Chirurg (Oh, er hatte mich also doch wahrgenommen..) hinzufügte:

„Das sind diese typischen Halbgötter in Neon, die dann im Krankenwagen rumspringen und wild vor sich hin therapieren wollen und Medikamente wie Smarties verteilen.“

Aaaaalles klar, hier schien man sich grundsätzlich einig zu sein, dass wir Rettungsdienstler offenbar nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind.

Runtergeschluckt, weiter machen, nicht unterkriegen lassen.

Es gab nämlich auch echt richtig coole Tage in der Klinik und für diese lohnt es sich wirklich sich den A*sch aufzureißen und fachlich top vorbereitet zu sein.

Kommen wir zu einem Fazit aus dieser Geschichte:

Ihr werdet mit Sicherheit im Laufe eurer Praktika richtig gute Ideen haben, ihr werdet auch eventuell hin und wieder bessere Ideen haben, als manch einer der schon fertig ausgebildet ist, ihr werdet auch als Praktikanten gern dafür gehalten was ihr in diesem Moment seid: nämlich lediglich Praktikanten.

Und Praktikanten machen keine klugen  Vorschläge. Praktikanten sind auch nicht vorlaut. Und erst recht haben Praktikanten grundsätzlich nie einen Plan von dem, was da gerade passiert und wie man eine Situation lösen kann.

Ihr/Wir sind Praktikanten. Wir vergessen leider viel zu schnell, dass wie alle mal Praktikanten waren und das jeder Einzelne von uns etwas in vielleicht genau dieser Art durchlebt hat, was ich euch beschrieben habe.

Noch dazu kommt, dass oft völlig vergessen wird mit den Praktikanten zu arbeiten und nicht vor ihm her.

Inzwischen bin ich fertig ausgebildet und versuche stur genau solche Situationen zu vermeiden. Ich rede. Viel. Manchmal mir sogar den Mund fusselig. Aber jeder Einwurf meiner Praktikanten wird diskutiert. Jeden gehe ich Schritt für Schritt durch.

Ich versuche das Gefühl zu geben, sie wären tatsächlich klug (Ihr werdet erstaunt sein, wie oft sie das wirklich sind! -Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel ;-P ).

Denkt an eure Anfänge.

Fangt eure Praktikanten da auf, wo man euch hat fallen lassen. Gebt ihnen das Gefühl nicht in der sprichwörtlichen OP-Saal-Ecke zu stehen und alles nur von Weitem begutachten zu können.

Seid Praktikant, Vorbild, Ausbilder, Fachkraft und ein bisschen Freund in einem.

Das tut wirklich nicht weh. Echt nicht. 😉


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