Mit meinem zweiten Gastbeitrag möchte ich einmal eine Lanze für uns, all die „Heißdüsen“, „Rettungsrambos“, „Nassgeschwitzten“, „Trauma-Geilen“, brechen.

Mal zugegeben:

Jeder von uns, der im Rettungsdienst anfängt hofft doch insgeheim irgendwann mal einen Verkehrsunfall à la „Alarm für Cobra11“ seinen Einsatz nennen zu dürfen.

Zumindest in der Anfangszeit! 

Jeder von uns, der jetzt das Gegenteil behauptet -Sorry-, flunkert einfach ein ganz kleines bisschen.

(Ausnahmen mögen auch hier die Regel bestätigen!)

Mag es vielleicht bei dem einen nicht das Trauma sein, was man unbedingt versorgen will, sondern eher etwas internistisches, okay, aber im Grunde hoffen wir alle darauf etwas abarbeiten zu können, für das wir in der Schule ausgebildet wurden.

Nämlich eigentlich hauptsächlich für die ganz schlimmen Dinge.

Niemand wird ja so wirklich für Oma Brömmelkamp ausgebildet, die schon seit Jahren an ihrer COPD leidet und jetzt einfach nur einen schlechten Allgemeinzustand hat und ins Krankenhaus muss.

Nein, wir werden auf die Trauma-extrem-Fälle getrimmt; auf innere Verletzungen, die immer seltener vorkommen; auf Brüche, die in der Realität leider viel zu selten so behandelt werden, wie sie in der Schule nach Lehrmeinung therapiert werden sollten.

Oder um das ganze mal auf die internistisch/neurologische-Schiene zu Münzen:

Auf die z.B. spontan auftretenden Lungenödeme, die massiv EKG-veränderten Herzinfarkte oder auf Krampfanfälle, die bei nicht bekanntem Krampfleiden auftreten.

Egal wie, niemand von uns wird tatsächlich für das ausgebildet, was 95% der Einsätze ausmacht. Dinge wie Nasenbluten, was schon gar nicht mehr blutet; einmaliges Erbrechen; Bauchschmerzen nach Schweinshaxe; Kopfschmerzen bei einem halben Liter Flüssigkeitszufuhr am Tag oder aber auch der klassische Katheterwechsel, der nur einmal von A nach B gefahren werden muss.

Es tut mir wirklich leid, dass ich das hier so absolut formulieren muss, in meinen Jahren ist es allerdings genau das, was ich um mich herum immer wieder wahr genommen habe.

Ich möchte euch über einen Einsatz schreiben, den ich kurz nach Erhalt meiner Rettungsassistenten-Urkunde erleben musste und der dann am Ende dazu führte, dass mein Bedarf an „Mega-Trauma“ und „Ultra-Notfällen“ erstmal wieder gedeckt war und ich mich tatsächlich auf Oma Brömmelkamp gefreut habe: 

WARNING:

Lesen Sie folgenden Beitrag unter keinen Umstände laut beim Essen vor, sorgen Sie unbedingt dafür, dass im Falle eines Vortrags Kinder dem Raum des Geschehens nicht beiwohnen.

Im Großen und Ganzen ist zu erwähnen, dass ich die klassische junge „rettungsgeile-Rettungsdienstlerin“ bin, die von den älteren Kollegen immer so gern belächelt wird.

(Wortlaut der „Alt-Eingesessenen“).

Ich liebe es Traumata zu versorgen.

Nennt mich verrückt, aber ich habe im Laufe der Zeit eine Faszination für komisch abstehende Knochen oder starke blutende Wunden oder Extremitäten die sich nicht mehr in physiologischer Position zum restlichen Körper befinden entwickelt.

Trauma ist einfach mein Ding.

An dieser Stelle auch noch eins vorne weg:

DAS hat im entferntesten nichts damit zu tun, dass ich anderen Menschen ein dickes Trauma an den Hals wünsche, damit ich etwas zum arbeiten habe.

Nein!

Vielmehr hat es damit zu tun, dass ich eben einfach gerne die Verletzungen versorge, die sich ohnehin nicht vermeiden ließen, die einfach da sind und die es auch ohne meine bezogene fachliche Präferenz immer geben wird.

Der erwähnte Einsatz fand mitten in der Woche statt und kam so unerwartet, wie es eigentlich jeder Einsatz meistens kommt.

(Übrigens haben sämtliche Kollegen im Anschluss behauptet, so unerwartet wäre das ja gar nicht gewesen, ich hätte ihn ja mit meiner Aussage -Trauma lieber zu fahren als alles andere- quasi heraufbeschworen.. Ja ja ja..)

Wir waren gerade auf der Rückfahrt von einem klassischen Einsatz mit Opa Brömmelkamp, als uns die Leitstelle ansprach und parallel alarmierte:

„RTW xy – Notfalleinsatz, Suizidversuch durch Schnittverletzung in der Piiiiiiiiiep-Straße Hausnummer Piiiiiiiiep, in Piiiiiiiiiiiep. Polizei vor Ort, NEF mitalarmiert.“

Einsatz erhalten, Einsatz übernommen, RTW gewendet, Lichter und Horn angemacht.

Auf der Anfahrt fragte mich mein wesentlich erfahrenerer, fachlich spitzenmäßiger und älterer Kollege, ob ich es denn hinbekommen würde diesen Einsatz als Transportführerin zu bearbeiten. Er wollte einfach sicher gehen, ob ich mich bereit fühle, (als damals noch frisch gebackene Rettungsassistentin ohne viel Erfahrung) eine solche Situation zu überblicken, sicher Aufgaben zu verteilen und dem Patienten im besten Fall das Leben retten zu können.

Ich fand seine Frage wirklich sehr lieb gemeint und absolut berechtigt, antwortete aufgeregt-bedingt aber recht trotzig mit einem:

„Na wenn ich jetzt einen frischen FSJler an meiner Seite hätte, müsste ich das ja auch hinkriegen können. Wird schon.“

In meinem Hinterkopf wusste ich aber jetzt schon, dass er einspringen würde, wenn ich zu überfordert bin oder die Situation zu entgleiten droht.

Das gab mir vorab schon ein kleines Gefühl von Sicherheit, obwohl ich noch nicht wusste, was genau da auf uns zukommen würde.

An der Einsatzstelle angekommen sahen wir vor dem Haus schon einen PKW der Polizei stehen und neben ihm zwei Männer und eine Frau in Uniform.

Zwei von dreien waren deutlich blass und warnten uns schon beim Aussteigen mit den Worten „Da wird nicht mehr viel zu machen sein. Ihr müsst hier links die Treppe rauf.“

Mein Kollege und ich stiefelten also vollgepackt mit Equipment (für nicht Rettungsdienstler:Notfallrucksack, EKG, Sauerstofftasche und Absaugpumpe) die beschriebene Treppe rauf.

Ich ging voraus, schließlich war es ja meine Aufgabe diesen Einsatz zu führen.

Im Treppenaufgang ahnte ich schon, dass das eine üble Nummer wird.

Überall war Blut. An den Wänden verschmiert. Auf den Boden getropft. In die Ecken gespritzt.

Ein blutiges kleines Küchenmesser lag auf der Treppe.

Ich rechnete wirklich mit allem.

Leider nicht mit dem, was dann tatsächlich buchstäblich vor mir lag, als ich am Ende der Treppe ankam.

Ein völlig entkleideter Mann in einer unendlich riesigen Blutlache, mit verschiedenen Schnitt- und Stichwunden am Körper und einem starren Blick an die Decke.

Zu erwähnen an dieser Stelle ist, dass eine der Schnittwunden (um es mal etwas makaber zu formulieren) ihm von Ohr zu Ohr ein furchtbares, grausames „Lächeln“ zauberte.

Ich hoffe, ihr versteht was ich meine.

Ich hoffe, es bedarf keiner näheren Ausführungen.

Mein Ausbilder in der Schule sagte immer:

„Wenn man Blut auf den Boden kippt sieht das immer wesentlich mehr aus, als wenn es in einen Eimer gefüllt wäre.“

Ich konnte diesen Satz nie glauben. Heute weiß ich: Er hatte recht.

Ihr könnt euch im Ansatz nicht vorstellen wie es aussieht, wenn 7 Liter Blut auf dem Boden verteilt sind. Wie in einer Kulisse aus einem schlechten, amerikanischen Splatter.

Völlig abstrus.

Ich war von dem Anblick so überrumpelt, dass ich erstmal alle Räume ablief um nachzusehen, ob nicht noch ein weiterer Verletzter im Nebenzimmer liegt.

Mein Kollege hatte derweil begonnen Plätze zu suchen, wo die Geräte nicht anschließend mit Blut getränkt sein würden.

Ihr könnt euch ebenfalls nicht vorstellen, wie die anderen Räume ausgesehen haben.

Denkt einfach weiter an eine Film-Kulisse aus dem blutigsten Film der euch einfällt und multipliziert diesen Gedanken mit eine Millionen.

Weitere Ausführungen spare ich mir auch an dieser Stelle.

Nach einigen Sekunden zurück beim Kollegen und Patienten begannen wir sofort mit der Untersuchung des Patienten und stellten fest, dass weder eine Atmung noch ein ausreichend Kreislauf vorhanden war.

Kein ausreichender Kreislauf deshalb, weil sein gesamtes Blut (was ja normalerweise den Sauerstoff in seinem Körper verteilen soll) auf dem Fußboden lag.

Die Defi-Patches zeigten allerdings noch eine Herzfrequenz von 70 Schlägen pro Minute an, Atmung war keine vorhanden und die Wunden am Körper (die auch definitiv arteriell gewesen sein mussten) bluteten schon nicht mehr.

Bedeutet rein fachlich: Egal wie viel Sauerstoff wir dem Patienten zuführen, der Sauerstoff kann im Körper nicht mehr transportiert werden, da nichts mehr zum Transportieren da ist.

In diesem Moment hatte ich nur einen einzigen Gedanken im Kopf:

„Du musst reanimieren, er hat noch eine Frequenz und keine sicheren Todeszeichen. Es ist allerdings sinnlos zu reanimieren, weil einfach nichts mehr da ist, was Sauerstoff oder Medikamente transportieren könnte.“

Ich nahm mir 10 Sekunden für 10 Minuten. Gefühlt.

Ich wollte mit klarem Kopf entscheiden wie es weiterging.

Mein Kollege begann in dessen den Versuch den Patienten zu beatmen, stellte allerdings relativ schnell fest, dass das aus verletzungsbedingten Gründen nicht mehr möglich war.

An dieser Stelle auch hier wieder ausreichend Raum für Interpretation, für alle die mit Medizin nicht so viel zu tun haben, für die Mediziner unter uns: Ich denke ihr wisst was ich damit meine.

In diesem Moment traf schließlich das NEF ein und übernahm (Gott sei Dank – ich habe mich selten mehr auf den Notarzt gefreut!) den Einsatz.

Der restliche Verlauf ist an dieser Stelle auch irrelevant. Ich denke aber es ist klar, dass uns hier leider die Hände gebunden waren und wir jenem Menschen leider nicht mehr helfen konnten, wie wir das gerne alle am liebsten getan hätten.

Worauf ich schlussendlich hinaus will:

Am Ende dieses Einsatzes, als wir zurück auf die Wache fuhren um das Equipment und unsere Klamotten zu reinigen und zu wechseln, sagte mir mein Kollege:

„Es ist nicht schlimm, dass du länger brauchtest um über dein Vorgehen nachzudenken. Du hast das gut gemacht. Ist alles okay bei dir?“

Ich weiß noch wie ich dachte „Länger? Wieso länger?“

„Ist dir eigentlich klar, dass du fast zwei Minuten regungslos da standest und nicht wusstest was du tun solltest? Deshalb hatte ich dann einfach angefangen zu arbeiten und gar nicht auf deinen Plan gewartet.“

Meine Gefühlten „10 Sekunden für 10 Minuten“ waren also tatsächlich ganze zwei Minuten.

Ich weiß bis heute nicht was ich dazu sagen soll. Ich weiß auch bis heute nicht, ob ich bei dem nächsten solchen Einsatz besser reagiere. Das wird sich schlussendlich erst zeigen, wenn ich wieder in dieser oder ähnlicher Situation bin.

Ich habe mir sehr viel Zeit genommen diesen Einsatz zu reevaluieren, habe sehr viel mit anderen darüber gesprochen und habe viel nachgelesen um zu überprüfen, ob wir irgendwas hätten besser machen können.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es an diesem Tag, in diesem Fall, in diesem Moment alles war, was wir tun konnten. Wir haben unser Bestes gegeben.

Ich hatte mein dickes Trauma.

DAS war mein dickstes.

Mein Schlimmstes.

Jenes, welches ich niemals vergessen werde.

Es hat aber nichts daran geändert, dass ich am Ende immer noch gerne Traumata abarbeite, mich die Art und Weise wie sie entstehen fasziniert oder ich grundsätzlich an der präklinischen und klinischen Versorgung solcher Dinge sehr interessiert bin.

Nach einiger Zeit mit Oma Brömmelkamp kann ich ohne Weiteres wieder sagen:

Es ist und bleibt mein Ding.

Ich freue mich jetzt schon wieder auf diesem Moment, wenn ich rückblickend sagen kann:

„Dieses oder jenes Trauma war heftig. Es war lebensbedrohlich. Der jenige Mensch hätte daran sterben können.

Aber es lief alles optimal. Wir haben den Patienten gerettet. Er wird leben. Er wird dank unserer Arbeit und der Arbeit des Personals im Krankenhaus leben.“

Das macht mich nicht zu einem Rettungsrambo. Das macht mich auch nicht zu einer Heißdüse oder sonst jemandem, den man belächeln oder auslachen kann und sollte.

Das macht mich einfach zu einer von vielen Kollegen, die ihre Faszination und ihr Interesse gefunden hat und die sich einfach nur für ihre Arbeit begeistert.

Ich wünsche mir aber ohnehin, dass jeder der das hier gelesen hat und auch jeder andere Mensch auf diesem Planeten niemals in meinem oder einem anderen RTW landet, von uns versorgt oder im Krankenhaus behandelt werden muss.

Und ich wünsche mir, dass es viel mehr Menschen gibt die so ihren Beruf so sehr lieben wie ich. Egal in welchem Bereich.

Ich liebe einfach nur meinen Job. Und eben einen Teil davon noch etwas mehr, als den Rest.


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