„Make a habit of two things: To Help; Or at least to do no harm.“

Hippocrates

Wie ja bereits viele von euch wissen, bin ich inzwischen von der „Landpomeranze“ zum „Stadtkind“ gewechselt.

Das bedeutet nicht nur, dass ich mich außerhalb vom Rettungsdienst auf viele Dinge einstellen muss – Ladenöffnungszeiten bis 0Uhr und länger zum Beispiel, sondern dass ich auch die Arbeitsweisen in den Kliniken anders gestalten, als ich das bisher gewohnt war.

Für die nicht-Mediziner (oder die, die es noch werden wollen) unter euch, eine kurze Erklärung:

Ein Schockraum ist ein Bestandteil einer fast jeden Notaufnahme. Angestrebt wird ein solcher Raum in nahezu jeder Klinik, allerdings lassen es die Größe und die Abteilungen mancher Kliniken nicht zu, einen solchen Raum zu etablieren.

Er ist hauptsachlich für Patienten, die auf gut deutsch gesagt „richtig schlimm dran sind“. 

Bedeutet:

Wenn ein Patient einen Verkehrsunfall oder einen anderen Unfallmechanismus hinter sich hat, benötigt er umgehend eine schnelle vielfältige Abklärung seiner Vitalfunktionen, sowie eine komplette Einschätzung und Einstufung seiner Verletzungen.

Dass heißt, das in einem solchem Raum sehr viele Ärzte aus allen Fachrichtungen zu finden sind, die in kurzer Zeit, mit sehr effektiven Algorithmen den Gesundheitszustand eines Menschen sehr schnell, in wenigen Minuten, einschätzen können.

Kommen wir zu dem, was ich euch heute berichten möchte:

Anfangen möchte ich mit einem kurzen Throwback, um euch einmal kurz zu erklären wie ich die „Arbeitsweise-Schockraum“ bisher erlebt habe.

Auf dem Land, in einem kleinen Krankenhaus, mit kleinem Schockraum, hat man in der Regel einen Chirurgen, der die Verletzungen des Patienten begutachtet, einen Anästhesisten mit einem Passmann/-Frau aus der Anästhesiepflege, die für Schmerztherapie und Narkose zuständig sind, eine Schwester aus der Notaufnahme und ggf. noch einen Radiologen oder auch einen Internisten.

Das wars. 

In der Regel also 4-6 Leute.

Jetzt kommt man also in diesem kleinen Krankenhaus an und die Tür zum Schockraum geht auf.

Eröffnungsfrage:

„Wo ist euer Notarzt? Wie ihr habt keinen dabei?“

Nein, als Rettungsassistent oder Notfallsanitäter benötigen wir keinen Notarzt, um adäquat einen Schockraum anzumelden und zu übergeben.

Auch die initiale Versorgung können wir im Zweifelsfall (z.B. wenn kein Notarzt verfügbar ist oder das NEF länger zum Eintreffen braucht, als der RTW bis in die Klinik) selbst durchführen.

Zweite Frage:

„Wo ist die Krankenkassenkarte des Patienten?“

Als wäre da aktuell das wichtigste.

Habe ich dann in diesem kleinen Grundversorger-Krankenhaus mit der Übergabe angefangen kam auch schon mal die Aussage:

„Was ist das mit diesem A, B, C? Könnt ihr keine Übergabe machen, die auch jeder versteht?“

So viel zum Thema Trauma-Leitlinien, die ja auch erst seid wenigen Jahren tatsächlich aktuell sind.

Übergabe dann also irgendwie gemacht, damit sie jeder Anwesende versteht, fachlich korrekt ist da leider oft anders.

Wenn dich dann anschließend noch der Anästhesist aus dem Schockraum pfeift, um vor der Tür nochmal ein „ernstes Wort“ mit dir zu reden, weißt du: Du hast auf ganzer Linie gewonnen. Und zwar so richtig. -Sarcasm off-

„Ja natürlich, Herr Doktor, verstehe ich, Herr Doktor, werde ich zukünftig besser machen, Herr Doktor.“

Das mag jetzt arrogant wirken, aber natürlich werde ich zukünftig nicht von der ABCDE-Übergabe abweichen, nur weil das bei Vereinzelten noch nicht angekommen ist. 

Wir schreiben das Jahr 2017. In der Zeitrechnung der Medizin ist schon echt ziemlich weit vorn.

Übrigens ein zwischenzeitlicher Tipp: 

Medizin lebt von Fortbildung, Training und Wiederholung. Sich eine medizinische Qualifikation angeeignet zu haben, sollte nicht das Ende eurer Fahnenstange sein, sondern vielmehr ein Startschuss dafür noch besser und sicherer zu werden.

Weiter im Thema:

Kurz gesagt könnt ihr euch also so eine Übergabe vorstellen, wie ich sie hin und wieder in auf dem Land, in kleinen Krankenhäusern erleben musste.

Wir erinnern uns: Maximal 4-6 Leute, plus wir, das Team vom Rettungsdienst.

Ihr könnt euch sicher mein Gesicht vorstellen, als ich wie gewohnt hier in Großstadt einen Schockraum alarmierte, wir ihn wie gewohnt anfuhren, den Patienten wie gewohnt vor die Schockraumtür brachten und diese wie gewohnt öffnete, dann aber auf einmal entgegen meiner Gewohnheit statt max. 6 Leuten auf einmal ca. 15 Leute vor mir standen.

Was ich nämlich absolut nicht bedacht habe: 

In so einer riesig großen Uniklinik kommen natürlich auf deutlich mehr Leute für einen richtigen Notfallpatienten zusammen, als in einem kleineren Krankenhaus.

Da wäre der Unfallchirurg, der Neurochirurg, der Radiologe mit Radiologie-Assistent, der Anästhesist mit Pflegepassmann, ein Pfleger aus der Notaufnahme, ein Allgemeinchirurg und ggf. noch ein Herzthoraxchirurg, ein weiterer Oberarzt, welcher diesen Schockraum leitet und koordiniert. Der „Chief of Schockraum“ sozusagen.

Jetzt müsst ihr aber auch noch einrechnen, dass da auf jeden Arzt noch ein Medizinstudent kommen kann.

Ganz schön viele Leute, vor denen Frau Scherf da auf einmal stand und vor denen sie Ihre Übergabe machen musste.

Interessanter Fakt:

Diese ca. 15 Leute (Ärzte und Studenten) waren ruhiger und aufmerksamer, während wir diesen Schockraum betraten, als ich diese 6 Leute einem kleinen Saal jemals erlebt habe.

Die Tür schwingt also doppelseitig auf und man wird direkt von mindestens 30 Augen in Grund und Boden gestarrt.

Jeder sieht dich an, jeder erwartet dass du anfängst deinen Trauma-Patienten zu übergeben.

Ich war so irritiert, dass ich nachdem wir im Raum drin waren, halb sprachlos drein guckte und fragte, ob ich denn anfangen könnte.

Nachdem der Oberarzt mit einem Zwinkern sagte: 

„Wir warten nur auf dich!“, legte ich los.

-Einatmen, Ausamten-

„Das ist Herr Mustermann, X Jahre alt, Zustand nach Verkehrsunfall. Kein A-Problem, kein B-Problem, Lunge auskultatorisch beidseitig vesikulär, bei C: Tachykardie, anfängliche Hypertonie, die jetzt in eine Hypotonie umgeschlagen ist, Blutungsräume auf Sicht o.B., initial blass, D: GCS 15, voll orientiert, keine Amnesie, keine Bewusstlosigkeit, neurologisch unaufällig, E: Der Patient war Fahrer des PKW, Frontalzusammenstoß mit einem anderen PKW, er selbst 15km/h, der andere PKW ca. 60-70km/h, Airbags ausgelöst, klagt über Schmerzen in beiden Handgelenken, durch festhalten des Lenkrades während Aufprall, sowie Schmerzen im Nacken, keine erkennbaren Prellmarken, keine sichtbaren äußeren Verletzungen, zur Anamnese: Keine Allergien, Keine Medikamente, Keine Vorerkrankungen, Letzte Mahlzeit heute morgen 10Uhr.“

-Einatmen, Ausatmen-

Die vielen Augen blickten mich auch jetzt noch erwartungsvoll an. 

Dann passiert folgendes:

Nachdem man seine Übergabe gemacht hat, die Anderen einen aber immer noch so ansehen, als fehle noch etwas, überlegt man. 

„Was habe ich vergessen?“, „Habe ich wirklich an alles gedacht?“, „Oh Gott, oder hab ich sogar einen Fehler gemacht?“

Ich bin mir in meiner Arbeit eigentlich sehr sicher. 

Während diesem Szenario war ich mir das dann auf einmal nicht mehr.

Dann kam die Sitmme des Schockraum-Leiters:
„Hat noch irgendjemand fragen? Neuro?“

-„Nein.“

„Trauma?“

-„Nein.“

„Pflege?“

-„Nein.“

„Anästhesie?“

-Stille-

In meinem Kopf: „Oh Gott, ich habe wirklich etwas vergessen!“

„Ja, eine Frage hätten wir: War der Patient angeschnallt?“

„Oh ja, natürlich, dass hatte ich vergessen zu erwähnen, ja er war angeschnallt.“

Eine einzige, vergleichsweise kleine Frage, bei meinem ersten riesen, mega, großen, super Schockraum. Damit kann ich definitiv leben. 😉

Nachdem die Frage geklärt war, hallte nur noch ein lautes „GO!“ durch den Raum und jeder fing damit an seinen Aufgabenbereich abzuarbeiten. Von außen sah das in etwa so aus, wie wenn ein Formel 1 Wagen in einen Boxenstop fährt.

Wahnsinnig faszinierend! 

Ich hätte diesem Schauspiel wirklich ewig zu gucken können.

Das war Traumamanagement in seiner Perfektion.

Innerhalb weniger Minuten flogen die Diagnosen nur so durch den Raum.

„Anästhesie, okay, Schmerzmittel laufen!“

„Blutungsräume im Sono sauber!“

„EKG unauffällig!“

„Zweiter Zugang liegt!“

„Traumaspirale kann los gehen!“

Jeder wusste genau welchen Handgriff er zu tun hatte, jedem im Raum war exakt klar wo sein Platz ist.

Nur nötige Kommunikation, keine Diskussionen, kein Kompetenzgerangel.

Es war einfach ein einziges Schauspiel.

Ich bin wirklich sehr Dankbar diesen Vergleich ziehen zu können. Diese Chance zu haben Leitlinien die wir beigebracht bekommen auch umsetzen und voll anwenden zu können.

Ein Team vorzufinden, welches uns als Rettungsdienst ernst nimmt.

Inzwischen, auch jetzt im Schreibfluss, frage ich mich mehr und mehr:

Warum? Warum gibt es immer noch Kliniken die teilweise so hinter den Leitlinien hinter her hängen? Warum wird nicht entsprechend fortgebildet? Warum arbeiten im Jahr 2017 immernoch Menschen nach Richtlinien von vor 10 Jahren?

Es sind manchmal eben wirklich Welten zwischen dem, wie es läuft und dem, wie es laufen kann.

Ich denke dieses Beispiel macht es mehr als deutlich.

XOXO

Scherfchen

CAVE:

Natürlich schließt das nicht alle kleinen Kliniken ein! Ich spreche hier wirklich über einzelne Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren sammeln durfte und musste.

Es gibt sehr viele kleine Krankenhäuser die eine fachlich perfekte Schockraum-Übernahme durchführen. 

Ich möchte euch heute lediglich die Lücken aufzeigen, die zwischen einzelnen kleinen Krankenhäusern und großen Universitätskliniken in dieser Thematik herrschen, obwohl beide unter Umständen Patienten behandeln, die ähnliche Verletzungsmuster aufweisen.


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